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seine Zeit vorüber, wenn sein Organismus abgenutzt ist, oder plötzlich zerstört wird; aber der Strahl von dem geist Gottes, der uns belebt, durch den wir uns selbst bewusst werden, der das Moos die Nahrung aus der feuchten Erde ziehen lehrt, damit es wachse und blühe, der Geist bleibt, denn er ist ein teil Gottes! – Gott! –

Da der Pastor schwieg, fuhr Jenny fort:

Als nun meine Gedanken einmal auf diesen Weg gelenkt worden, forschte ich weiter, bald bei meinem Bruder, bald bei meinem Vetter, vor deren Meinung ich grosse achtung hatte. Ich fragte nach den Gesetzen Moses, der unsere Religion gestiftet. Man nannte mir die Gebote und sagte, Moses verlange nur die Erfüllung jener Pflichten, die jedem guten Menschen sein Herz von selbst gebiete, so lange er durch das Böse nicht verdorben sei. Dasselbe lehre auch Christus und alle Stifter von Religionen. – Und worin besteht, fragte ich, der Unterschied zwischen den Religionen, da er stark genug gewesen ist, Jahrhunderte hindurch Krieg und Unterdrückung hervorzurufen? In Formen, antwortete man mir, welche die Leute in ihrer Blindheit höher schätzten als den Geist. Strebe darnach, dem Beispiel des Guten zu folgen, das man Dir gibt, und Dich so rein zu erhalten vom Bösen als möglich. Denke Dir, hatte einst mein Vater gesagt, ein kleines zartes Gefäss, in das eine unsichtbare Hand den kostbarsten Samen gestreut: wie würde man es ängstlich hüten, damit es keinen Schaden nähme, es vor jedem Flecken bewahren, jedes Stäubchen davon entfernen, wenn man wüsste, dass nur in vollkommen reiner Schale die heilige Saat gedeihen könne! Solch ein Gefäss bist Du und nur, wenn Du rein bist von bösen Gedanken, kann sich die Gotteit in Dir entfalten.

Jenny mochte es den Mienen ihres Zuhörers ansehen, dass er diese Auffassung nicht billige, doch liess sie sich dadurch nicht irre machen, sondern fuhr ruhig fort: Dieses Gleichniss erfreute mich, undich war damals noch ein Kind, Herr Pastor! – ich fragte, ob nicht endlich, wenn die Saat zu einem mächtigen Baume geworden, dieser das kleine Gefäss zersprenge und sich frei mache, um frei die Wipfel zu dem blauen Himmel zu erheben, von dem das Samenkorn einst herabgekommen sei? Ja! sagte mein Vater, und dies Freiwerden nennt man Sterben!

Eine artige Allegorie, unterbrach sie der Pfarrer jetzt, aber das will Christus nicht. Wir sollen nicht spielen mit Dem, was das Heiligste ist; wir sollen es mit Ernst erfassen, mit jenem Ernste, der Christus am Kreuze sterben machte für uns.

Das sagt auch Reinhard, stimmte Jenny bei. Ich soll das Leben mit Ernst betrachten, und ich selbst fühle das Bedürfniss, seit ich Reinhard kenne und empfunden habe, dass es auch dunkle Stunden in unserm Dasein gibt. Glauben Sie mir, wenn ich an die Möglichkeit dachte, von Reinhard, dem ich so unauflöslich gehöre, für das ganze Leben getrennt zu sein, dann reichte der fröhliche Glaube meiner Jugend nicht aus. Ich verlangte danach, einen Ersatz zu finden, der mich schadlos halte für das Leiden auf dieser Welt; und ich wünschte besonders, dass es mir möglich wäre, die heiligsten Interessen des Menschen auf dieselbe Art aufzufassen, wie mein Bräutigam. Mit Einem Worte, ich möchte Gott erkennen und das Leben begreifen, wie Christus es lehrt, ich möchte Christin werden dem Herzen nach. – Lehren Sie mich das, sagte sie, und ich werde es Ihnen ewig danken!

Der alte Mann gab ihr die Hand und sah sie lange an, ohne zu sprechen. Er erkannte in Jenny einen gut gebildeten Verstand, der dabei seine ursprüngliche Kindlichkeit behalten hatte und in dem sich das Streben nach klarheit auf eigentümliche Weise mit einem poetischen Gemüte vereinte. Eben deshalb liebte Jenny es, Gedanken, die sie sich nicht ganz deutlich zu machen wusste, in einen poetischen Schleier zu hüllen, als ob sie sie dadurch vor der entweihenden Berührung des Zweifels behüten könne. Dem Pastor wurde ihre Richtung gleich in dieser ersten Unterredung klar. Er erriet, dass kein inneres Bedürfniss, sondern nur Liebe zu Reinhard der Beweggrund sei, welcher sie dem Christentume entgegenführe, und er tadelte sie deshalb nicht. Ein langes Leben hatte ihn zu der überzeugung gebracht, die er in früher Jugend mit ortodoxer Strenge bekämpft, dass man Christ sein könne ohne den Glauben an die christlichen Dogmen, und er war, einmal zu dieser erkenntnis gelangt, ernstlich mit sich zu Rate gegangen, ob diese Ansicht ihn nicht zwinge, sein Amt niederzulegen. Mit dem gewissenhaftesten Eifer hatte er die Lehre Jesu und sich selbst geprüft und sich dadurch in der überzeugung befestigt, dass Liebe und Duldung bei fortschreitender geistiger entwicklung die Grundzüge des christentum und besonders des Protestantismus ausmachten. In diesem Sinne hatte er sein Amt behalten und verwaltet. Er hatte von ganzem Herzen darnach getrachtet, unter seiner Gemeinde die Lehre Jesu in ihrer moralischen Reinheit zu verbreiten, und auch die Form heilig geehrt, in der diese Lehre uns übergeben worden ist, ohne jedoch Diejenigen fanatisch zu verdammen, die sich ausschliesslich an den Geist hielten. Diese bekannte Gesinnung hatte den Vater bewogen, ihn zu Jenny's Lehrer zu wählen, womit Reinhard, nur auf Zureden seiner Mutter, sich einverstanden erklärt.

Der Unterricht begann, und der Pastor musste natürlich sein erstes Augenmerk gegen die panteistische Weltanschauung richten, in der Jenny, ohne es zu