1843_Lewald_139_47.txt

würde, am wenigsten zu Eduard's Gunsten. Mitleid mit William, mit Eduard und mit sich selber, Furcht vor den Leiden, denen sie notwendig durch ihre Liebe ausgesetzt war, und auch aufrichtige Betrübniss, dem Wunsche ihrer Eltern nicht folgen zu können, drängten zusammen auf sie ein, und weinend legte sie William's Ring von sich, den die Commerzienrätin ihr aufgezogen hatte.

Recht so, liebe Tochter! sagte die Mutter, als sie es bemerkte, auch ich finde es schicklicher, dass die Braut sich mit dem Ring ihres Verlobten erst dann schmücke, wenn er selbst ihn an ihre Hand steckt. Doch weine deshalb nicht. In wenigen Wochen kehrt William hoffentlich zurück, und die ganze Stadt soll es dann wissen, wie glücklich Du bist und wie glücklich Du mich durch die Erfüllung meiner langgehegten Wünsche machst! Ich hatte nicht Unrecht, mein Töchterchen, zu behaupten, dass Dir einmal ein anderes los bereitet werden solle, als der kleinen Jenny! fügte sie triumphirend hinzu, indem sie Clara nochmals umarmte und sie dann verliess.

Was soll ich tun? rief Clara, als sie sich allein sah. Die verschiedensten Plane und Möglichkeiten fielen ihr auf einmal ein. Sie wollte ihrer Mutter nacheilen und ihr Alles bekennen; aber wozu sollte das führen, da ihre Mutter gerade die Heirat mit William wünschte und sich ihrer Liebe zu Eduard entschieden widersetzen würde? Sich dem Vater anvertrauen? Das würde die Mutter für eine Kränkung ihrer Rechte halten und doppelt erzürnt sein! Dann wollte sie William schreiben und sich seiner Grossmut überlassen; als sie indess bedachte, wie ihr Brief den Sohn trauernd an der Leiche seines Vaters finden könne, fehlte ihr der Mut, seinen Schmerz noch zu erhöhen durch das geständnis, sie könne ihn nicht lieben. Ratlos sann sie lange hin und her, bis die glückliche Schnellkraft der Jugend sie plötzlich das Ereigniss in besserem Lichte erblicken liess. Sie fing an zu hoffen, die Krankheit ihres Onkels werde so gefährlich nicht sein; William müsse ihn gewiss auf dem Wege der Genesung finden; und es machte sie glücklich zu denken, Eduard werde ohne Zweifel William's Abwesenheit benutzen, sich gegen sie zu erklären. Dann, wenn es unwiderruflich sei, werde ihr Cousin es auch viel leichter tragen, besonders wenn Entfernung und die Freude, seinen Vater wiederzusehen, ihm zu hülfe kämen. Als aber ihre Vorstellungen erst diese Richtung genommen hatten, waren bald alle Sorgen vergessen, so sehr, dass sie es sich vorwarf, nicht trauriger über ein Ereigniss zu sein, von dem ihr Vetter so tief ergriffen sein musste.

Ein Bote von Jenny, der abgesandt war, zu fragen, was Clara's plötzliche Nachhauseberufung veranlasst habe, erhielt ein ruhiges Billet mit den nötigen Erklärungen zur Antwort, der die Bitte hinzugefügt war, Jenny möge sie morgen recht zeitig besuchen. Zwei Dinge waren es besonders, die seit einigen Wochen Reinhard beschäftigten: die baldige Erlangung einer Stelle für sich, und Jenny's Uebertritt zum Christentume, zu dem ein aufgeklärter Geistlicher sie vorbereitete.

Mit freudiger Aufregung batte Jenny dem ersten Besuche des Pastors entgegengesehen; es drängte sie, sich mit ihm über manches Bedenken auszusprechen, das sich in ihr gegen die neue Lehre erhob und dessen sie gegen Reinhard nicht zu erwähnen vermochte, aus Furcht, ihn zu beunruhigen und zu betrüben. Auch schwiegen tatsächlich vor dem Einfluss, den ihres Bräutigams Gegenwart und sein feuriges Wort auf sie ausübten, ihre Zweifel; aber sie erwachten um so stärker, wenn sie allein blieb und der Zauber geschwunden war. Sie wähnte, wenn das Bekehrungswerk gelingen solle, müsse ihr Lehrer genau den Zustand ihrer Seele kennen, und stand nicht an, sich mit voller Offenheit darüber zu erklären.

Ich habe, sagte sie, mein Leben lang an Gott gedacht; ich habe seit meiner frühesten Kindheit, wenn mir etwas besonders Gutes oder Böses begegnete, geglaubt, das komme mir aus seiner Hand; und da mir meine Eltern als seine sichtbaren Stellvertreter auf Erden erschienen, mich vollkommen ruhig und glücklich gefühlt, ohne nach einer besonderen religiösen erkenntnis zu streben.

Und Sie fühlen diese innere Zufriedenheit auch jetzt noch? fragte der Geistliche.

Nein! erwiderte sie. Schon vor vielen Jahren hatte mich eine Freundin darauf hingewiesen, wie mir der rechte Glaube fehle. Ich dachte darüber nach. Ich stellte mir vor, welche Schicksals-Schläge das Leben mir bringen könne; ich dachte an den Tod der Meinen und fühlte, dass ich solchen Leiden nicht gewachsen wäre, dass ich keine Kraft dagegen in mir fände. Terese, eben jene Freundin, sprach mir von der Unsterblichkeit der Seele. Ich verlangte Erklärung, und sie sagte mir: Glaube! Das konnte ich nicht. Ich wandte mich an meinen Vater um Aufschluss, und mehr als alle Gründe dafür beruhigte mich die überzeugung, dass mein Vater, der klardenkende Mann, an die Fortdauer der Seele glaubte. Ein leerer Schein konnte ihn nicht täuschen. Er sagte mir, Alles was Du siehst, empfindest, bist, ist Gott! Ein Unendliches belebt durch sich selbst, durch sein Dasein, die Welt. Die Sonne und das Sonnenstäubchen sind er selbst. In mir, in Dir, in jenem Moose ist er, belebend, wirkend, immer derselbe Eine Gott, gleichviel in welcher Gestalt er sich offenbart. Die Form kann vergehen; unser Auge schliesst sich ermüdet für immer; der menschliche Körper zerfällt in Staub, wie jenes Moos, wenn