drohen scheint. Sie schellte darauf, und befahl dem eintretenden Diener, anspannen zu lassen und das fräulein zu holen, weil Herr Hughes morgen früh verreisen wolle.
Morgen? Tante! ehe ich kam, waren die Pferde bestellt, mein Diener bereitet mein Gepäck, und ich harre auf den Ton des Postorns. Ich reise gleich; jeder Augenblick, den ich zögere, kann mich um den Trost bringen, meinen Vater noch zu sehen, noch ein Wort von seinem mund zu hören – nur in der höchsten Eile ist noch Hoffnung!
Das lag ausser der Erwartung der Tante: sie klingelte nochmals und der Diener erhielt geschärfte Befehle. Er sollte dem fräulein sagen, Herr Hughes reise gleich, weil sein Vater zum tod erkrankt sei.
Um Gottes willen, das nicht! rief Hughes in grossmütiger Vorsorge, lieber reise ich, ohne sie zu sehen, ehe so furchtbarer Schreck sie unvorbereitet treffe.
Ein Wink entfernte den Diener, und die Commerzienrätin ging unruhig im Zimmer umher, jeden Augenblick am Fenster spähend, ob der Wagen das Portal nicht schon verlasse? Auch Hughes war in qualvoller Spannung. Dann, als das Rollen der Räder auf den Steinen hörbar wurde, schien es ihm Hoffnung zu bringen. Ein ängstliches Schweigen herrschte im Zimmer, Tante und Neffe hingen mit gespanntem Auge an dem Zeiger der Uhr, der sich ruhig und langsam von Sekunde zu Sekunde fortbewegte, während ihr Ohr ebenso ängstlich auf jeden Ton lauschte, der von der Strasse heraufschallte.
Ich begreife nicht, wo Clara bleibt, sagte nach einer Weile peinlicher Erwartung die Commerzienrätin.
Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, und mein Vater stirbt! fiel William, der nur den Einen Gedanken hatte, ihr tonlos ins Wort. Denken Sie, Tante, jede Minute Aufschub kann mir die Möglichkeit rauben, den Vater zu sehen, den ich mehr als Alles liebe, und trennt mich zugleich von Clara, ohne dass ich sie gesprochen habe, ohne dass sie weiss, wie ich sie liebe! –
Da atmete die Commerzienrätin tief auf, ein siegreiches Lächeln glitt einen Augenblick über ihre Züge – sie war am Ziele! Aber schnell besonnen, trat sie mit dem Ausdruck inniger Teilnahme zu William, legte ihre Hand auf die seine und sagte beruhigend: Möchte Dir so sicher das Leben Deines Vaters erhalten werden, als Clara's Liebe und ihre Hand, die ich Dir von je bestimmte. –
Wer sagt Ihnen, Tante! rief der Jüngling – da schmetterte fröhlich und laut das Postorn, und sich gewaltsam zusammennehmend, fügte er hinzu: Leben Sie wohl, Tante, grüssen Sie mir Clara!
Gehe mein Sohn, erwiderte mit Feierlichkeit die Tante, und kehre uns bald und glücklich wieder. Für Clara's Herz bürgt Dir ihre Liebe, für ihre Hand bin ich Dir Bürge, und sollte es Gott gefallen, Dir den Vater zu rauben, so findest Du hier einen Vater wieder, der den Gatten seiner Tochter mit offenen Armen empfangen wird.
Hughes umarmte sie zärtlich und eilte hinaus; dann kehrte er zurück, zog einen Ring von seinem Finger und reichte ihn der Tante. Für Clara! sagte er und sie soll mein gedenken! Dann eilte er davon.
Und wieder erklang das Schmettern des Postorns; die Commerzienrätin trat an das Fenster und sah dem Wagen nach, bis einige Minuten später ihre Equipage sichtbar wurde und Clara bei ihr eintrat. Sie hatte trotz William's Verbot durch den Diener die traurige Nachricht bereits erfahren.
Wo ist William? fragte sie mit einer Lebhaftigkeit, welche die Mutter nur zu leicht für ein Zeichen der Liebe nehmen konnte. Auch hielt sie es für angemessen, die Rolle, welche sie bei Hughes mit so viel Glück gespielt, bei Clara fortzusetzen. Sie umarmte ihre Tochter mehrmals, küsste sie zärtlich und sagte: Beruhige Dich, mein Kind! Du siehst ihn wieder. Wenn Du wüsstest, wie ihm das Scheiden schwer war! Sein Schmerz war so gross, dass er mich, ohne es zu wollen, zur Vertrauten seiner Liebe machte. Er sendet Dir diesen Ring und ich habe ihm statt Deiner versprochen, dass er bei Dir Trost finden würde, falls es Gott gefallen sollte, ihm seinen Vater zu nehmen.
Clara fuhr erschreckt zusammen; das hatte sie am wenigsten erwartet. Nach ihrer Meinung musste gerade Hughes um ihre Liebe für Eduard wissen, denn gegen ihren Vetter allein hatte sie sich stets offen über denselben ausgesprochen. Sie hatte in der Bereitwilligkeit ihres Cousins, ihre Bekanntschaft mit Jenny einzuleiten und ihren nähern Umgang zu befördern, eine Billigung ihrer Gefühle gesehen und sich dankbar dafür mit einer Zärtlichkeit an William angeschlossen, die ihr Bruder ihr einzuflössen niemals weder gestrebt, noch vermocht. Sie begriff es nicht, wie der Vetter dies Wohlwollen für Liebe nehmen könne, da sie wusste, wie himmelweit es von dem Gefühle verschieden sei, das sie für Eduard empfand; und doch quälte sie der Gedanke, William, der vertrauende, grossmütige Mann, könne sie eines leichtsinnigen Spiels mit seinem Herzen beschuldigen. Es tat ihr wehe, dass sie ihn, wenn auch ganz absichtslos, getäuscht, und sie bedauerte von Herzen, ihn nicht mehr gesprochen zu haben, um es zu verhindern, dass er Hoffnungen nähre, die sie nicht zu erfüllen dachte, Aber nicht Das allein war es, was sie beunruhigte. Sie wusste, dass ihre Mutter, nun sie endlich das Gelingen ihres Planes sicher vor sich sah, nicht so leicht davon abgehen