in Deutschland längst nationalisirt sein, wenn ihn sein Aeusseres, seine dunklere Farbe und das schwarze Haar nicht auf den ersten blick von den Deutschen unterschieden zeigten. Dies fremde Aeussere erinnert unaufhörlich an eine verschiedene Abkunft und gibt, vom Pöbel ausgehend, dem Judenhasse immer neue Nahrung, von dem wohl die Wenigsten so frei sind, dass sie den Juden nicht den Mangel an gesellschaftlicher Bildung zum ächtenden Vorwurf machten. Und man brauchte sie doch nur zu emancipiren, um die Unebenheiten von ihrer Aussenseite abzuschleifen. Freilich ist es gar bequem zu sagen: Die Juden haben einen hässlichen Dialekt, hässliche Manieren. – Woher das aber kommt, fragt Niemand! – Dass es so ist, reicht ja hin, den Juden auszuschliessen von der Gesellschaft, und mehr braucht es nicht, mehr will man nicht.
Eduard war erregter, als er selbst glaubte, Clara betrübt, und selbst Hughes nicht frei von Befangenheit. Doch bezwang er sich, und sagte: Allerdings trifft die Deutschen der Vorwurf, nur in den Juden die Nationalität nicht anzuerkennen, während sie sonst jeder fremden Eigentümlichkeit mehr als nötig nachsehen. Erwarten wir das Beste von der Zukunft, und wenigstens lassen Sie uns die Gegenwart meines Mühmchens mit fröhlicherer Unterhaltung feiern. Das arme Mädchen sieht schon so betrübt aus, als ob es das Unheil verschuldet hätte, und ist so gut, dass es gewiss gern hülfe und Aenderung brächte.
Wenn ich das könnte, rief Clara lebhaft, und Hughes glaubte eine Träne in ihrem Auge zu sehen, als Eduard sich bald darauf empfahl, nochmals für die Ehre dankend, die Clara ihm erzeigt, indem sie seine Einladung angenommen hatte.
Ehre? seufzte Clara, obgleich Eduard das Wort nur zufällig und achtlos gewählt, Ehre? – Ach mein Gott! –
Auch William war der Schluss der Unterhaltung peinlich geworden. Es ist Schade, sagte er, als Jener sich entfernt hatte, dass man mit Eduard so gar vorsichtig sein muss, weil man nur zu leicht die Saite seines Gemütes berührt, die ewig in Klagetönen erklingt, in Dissonanzen, für die es nun einmal noch keine Auflösung gibt. Oft tut es mir leid; aber man ist nicht immer dazu geneigt, über unabänderliche Verhältnisse zu sprechen und teil an ihnen zu nehmen; man will nicht immer Mitleid haben.
Mitleid, fiel Clara ein, stolz aus der Seele des Geliebten antwortend, verlangt denn Eduard Mitleid? Er will sein Recht, das Recht, welches man seinem volk und damit auch ihm selber vorentält. Wer darf mehr verlangen, frei und den Besten gleichgestellt zu sein, als er? Und kannst Du ihn tadeln, dass er in jedem Augenblicke das Unrecht fühlt, welches ihm geschieht? dass er den Gedanken ausspricht, der zum Grundton seines Wesens geworden ist? Atmen und frei sein mit seinem volk, das ist ihm gleichbedeutend; er kann und will nicht schweigen von Dem, was allein ihm Wert hat. Jeder Mann von Ehre müsste so handeln; ich begreife das vollkommen.
So scheint es, sagte William etwas spöttisch. Es ist nur zu bedauern, dass die Juden nicht viele solch eifrige Verteidiger finden, als meine schöne Cousine, die ich von ihren Betrachtungen über die Gleichstellung der Juden nicht länger abhalten will.
Und verstimmt trennten sich die drei Menschen, die eben erst in schöner Freundschaft glückliche Stunden mit einander genossen hatten. Länger als bis zum folgenden Abende konnte Reinhard es nicht ertragen, von Jenny entfernt zu sein. Mit seiner Mutter hatte er seit ihrer letzten Unterhaltung keine Silbe über seine Liebe gesprochen; und ein ängstliches, vorsichtiges Schweigen hatte zwischen Mutter und Sohn geherrscht, die sonst in innigster Mitteilung zu leben gewohnt waren. Da schlug am Abend des zweiten Tages die alte Uhr des Wohnzimmers sieben heisere Schläge, und die Pfarrerin hörte, wie Reinhard den Stuhl vom Schreibtisch schob und schnell in seinem Zimmer umherging. Wenige Augenblicke darauf sah sie ihn, zum Ausgehen gerüstet, bei sich eintreten.
Gehst Du aus, mein Sohn? fragte sie.
Reinhard bejahte es. Die Pfarrerin schwieg. Da bog er sich hernieder, und sagte schmeichelnd: Gib Deinem Sohne nur einen Abschiedskuss. Wer weiss, ob die Tochter, die ich Dir bringe, mich nicht aus Deinem Herzen verdrängt! Dann küsste er die Mutter und eilte von dannen, ehe sie ihm Etwas entgegnen konnte. Was hätte sie ihm auch sagen sollen?
Sie faltete die hände, und suchte, sein Schicksal dem Himmel anvertrauend, Ruhe im Gebet.
Je schneller Reinhard dem Meierschen haus zugeeilt war, je auffallender musste ihn der Gegensatz überraschen, der sich ihm eben heute zwischen der stillen wohnung seiner Mutter und dem Treiben in den reichgeschmückten Sälen darbot. Er hatte, wie es Jedem wohl begegnet, sich lebhaft vorgestellt, wie er Jenny, mit weiblicher Arbeit beschäftigt, allein finden, wie sie ihn willkommen heissen, ihn um sein Ausbleiben fragen, und wie er ihr es dann endlich sagen werde, dass er sie liebe. Bis in die kleinsten Züge hinein hatte er sich das Bild ausgemalt; es war ihm lieb geworden, und die Möglichkeit, dass es sich anders machen könne, hatte er sich nicht beikommen lassen. Um so unangenehmer war es ihm, als der Diener ihn nicht in das gewöhnliche Wohnzimmer, sondern in einen der Säle führte, aus dem ihm schon von fern Erlau's fröhliches lachen entgegentönte.
Eine Menge Personen bewegten sich bei Reinhard's Ankunft unruhig durcheinander. Erlau stand bei einer Teaterdecoration, die