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Tochter nehmen, sagt man. Ich glaube es nicht, die kann andere Partien machen, sage ich Ihnen!

Es war gut, dass der kleinen starken Frau der Atem zu versagen anfing, denn Clara hatte mit kaum verhehltem Erstaunen die Neuhinzugekommene betrachtet, deren Kleidung, aus Allem zusammengesetzt, was es Neues und Kostbares gab, auf ihrem runden, festgeschnürten Körper und zu dem sehr scharf geschnittenen, alternden gesicht ebenso sonderbar erschien, als ihre Sprechlust und ihr unaufhörliches Gesticuliren. Um einem neuen Redestrome Schranken zu setzen, fragte Jenny Herrn Steinheim, ob er in den letzten Tagen Erlau nicht gesehen habe, auf den sie vergebens gewartet, um mit ihm das Nähere wegen der Proben zu den lebenden Bildern zu verabreden.

Erlau, der nie Anlage zu einem Fixsterne hatte, antwortete der Gefragte, ist jetzt vollkommen zum Planeten der Giovanolla geworden; er, der ein Stern erster Grösse am Kunstimmel sein könnte. Ich kenne ihn nicht mehr, ich begreife ihn nicht.

Was ist da zu begreifen? sagte der Vater. Er ist ein liebenswürdiger Wildfang, wie er es immer war, und wir wissen, wie ihm Schönheit den Kopf verdreht; junger Wein will gähren!

"Ich bin so sehr nicht aus der Art geschlagen, dass ich der Liebe herrschaft sollte schmähen", recitirte Steinheim, aber dies gänzliche Sichverlieren in solch eine Passion von acht Tagen ist zu komisch. Man sieht ihn gar nicht. Zudem ist er hinausgezogen an den Leuchtturm, wo ein ewiger Orkan wütet, und wo man ihn nicht besuchen kann, ohne sich vor Erkältung den Tod zu holen!

Haben Sie ihn in seinem neuen Atelier noch nicht aufgesucht? fragte Eduard. Das wird ihn gekränkt haben!

Hat er mich gefragt, wie er hinausgezogen ist, ob ich hinaus kommen werde? Morgen wird's ihm einfallen, auf den Domturm zu ziehen, und er wird es übel nehmen, wenn ich nicht hinauf klettere, um ihn da oben zu besuchen! Dabei fällt mir ein, liebe Mutter! dass wir jetzt unsern Besuch bei Madame Rosenstiel nicht länger verschieben dürfen, und ich möchteobgleich dem Glücklichen keine Uhr schlägt, Dich daran erinnern, uns auf den Weg zu machen, weil es bereits ein Uhr ist.

Dieser Vorschlag brachte die alte Dame in die grösste Rührigkeit. Sie stand auf, suchte eifrig nach Boa, Mantille und Handschuhen, die sie im Eifer des Gespräches allmälig abgelegt hatte, und empfahl sich mit vielen Complimenten den Anwesenden, nachdem Jenny noch mit Steinheim verabredet hatte, dass für den nächsten Abend die probe zu den Bildern vor sich gehen sollte.

Der ganze kleine Kreis fühlte sich offenbar erleichtert, als die Beiden fortgegangen waren. Jenny schämte sich des unschönen Betragens, das Gäste ihres Hauses vor Clara an den Tag gelegt hatten. Steinheim's Citate, seine gesuchten Witze kamen ihr unerträglich vor, und nur ihr angeborner Takt hielt sie zurück, Entschuldigungen deshalb zu machen. Wirklich schien es, als ob etwas Störendes in die vorhin so unbefangene Unterhaltung gekommen sei; man scherzte und plauderte noch ein Weilchen fort, dann aber brach auch Hughes auf, und mahnte Clara an die Rückkehr. Beim Abschiede händigte Jenny ihrem gast das schöne Bouquet ein, indem sie bat, es als einen Willkomm mitzunehmen. Clara dankte herzlich, und als nun die Mutter sie aufforderte, sie und ihr Treibhaus bald wieder zu besuchen, nahm Clara ein paar Immortellenzweige aus dem Bouquet und reichte sie Jenny und Eduard mit der Bemerkung: Die lasse ich zum Pfande hier, dass ich bald wiederkomme, wenn Ihre Mutter es erlaubt. Freundlich reichte sie dem alten Meier die Hand und ging mit Hughes und Eduard davon, um den Rückweg zu Fuss anzutreten und dadurch das köstliche Winterwetter ein wenig länger zu geniessen.

Ich kenne fast nichts Reizenderes, bemerkte Clara gegen Eduard auf dem Wege, als ein Treibhaus, wie das Ihrer Eltern, in der Mitte des Winters. Diese Farbenpracht, der süsse Duft erquicken doppelt zu einer Zeit, in der man Beides nicht erwartet; abgesehen davon, dass ich schon darum Treibhäuser liebe, weil in der sorge des Menschen für die Pflanzen etwas Zutraueneinflössendes liegt.

Das Letztere, liebe Clara, sagte Hughes, kann doch nur da der Fall sein, wo nicht Prunksucht oder Speculation an der Pflege der Blumen teil haben.

Gewiss nur da, antwortete sie. Aber ich kann es nicht genug sagen, wie ich mich freue, wenn ich finde, dass auch Andere die Blumen so lieb haben, als ich. Blumen sind eine von den Freuden, die Gott uns Allen bestimmt hat, und jene Blumenkasten, welche wir oft an den Fenstern der bescheidenen Armut sehen, tun mir jedesmal sehr wohl.

Wohl? fragte Eduard verwundert. Mich machen sie fast immer traurig, und das ist ein Eindruck, der seit meiner ersten Kindheit sich gleich geblieben ist. Ich sehe darin immer den Wunsch nach versagten Genüssen, das Streben, sich ein kümmerliches Dasein zu verschönen, oder eine Entsagung, die mir wehe tut. Wo ich solche kleine Blumenkasten sehe, möchte ich von unserm Ueberflusse spendenund gelegentlich hab' ich's getan! fügte er halblaut hinzu.

Aber die Leute haben an ihrem kleinen Besitz, wandte Clara ein, vielleicht oftmals ebensoviel Freude, als mancher Reiche an dem grössten Treibhaus, und mehr!

Glauben Sie denn, dass ich diese Treibhäuser und Treibhauspflanzen liebe? fragte Eduard lebhaft. Es liegt etwas Unnatürliches in der Farbenpracht und