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Jenny sie suchte; und sie besass nicht Beobachtung genug, in Joseph's stillem, ruhigem Gesicht den wahren Schmerz zu lesen, den ihre Entscheidung ihm verursachte. Sie war unzufrieden mit ihm, als sie ihn verliess.

Eduard kehrte schon gegen Mittag von seiner Praxis zurück und versuchte umsonst, die Ungeduld zu verbergen, mit der er nach dem Zeiger der Uhr und auf die Strasse hinaussah, von welcher die Ersehnte in Begleitung ihres Vetters kommen sollte. Da rollte endlich ein leichtes Fuhrwerk über das Pflaster, hielt vor dem Meierschen haus still, die Torflügel öffneten sich, der Portier zog die Glocke, und Eduard flog die Treppe hinunter, um die Geliebte selbst zu seiner Familie zu geleiten.

Jenny ging ihr bis in das Vorzimmer entgegen, die Mädchen umarmten sich auf Mädchenart mit zärtlichen Küssen, das alte, trauliche "Du" der längst verflossenen Schulzeit wurde hervorgesucht, und es vergingen mehrere Minuten, ehe Clara in das Wohnzimmer zu Madame Meier kam. Sie sah schön aus an dem Tage. Das enganliegende Kleid von heller Seide zeigte ihre stattliche Gestalt; ein kleiner schwarzer Sammetut hob die frische Farbe des Gesichtes schön hervor, das die langen, blonden Locken reich umgaben. Die Freude, welche ihr dieser Besuch einflösste, der Wunsch, den Eltern des Geliebten zu gefallen, verursachten ihr eine lebhafte Bewegung, die sehr anmutig an ihr erschien. Jenny konnte nicht aufhören, sie zu betrachten, und Eduard's Mutter empfing sie mit der Freude, mit welcher eine zärtliche Mutter die Auserwählte ihres Sohnes begrüsst. Sie fand Clara noch schöner und liebenswürdiger, als sie sich dieselbe gedacht hatte. Der Ton von Demut in ihrer stimme, das Weiche, Milde in ihrer Erscheinung, welches sich Eduard gegenüber zu verdoppeln schien, nahmen augenblicklich für sie ein. Die ungeheuchelte Freude, mit der sie die Schätze des Treibhauses bewunderte, das an den Tanzsaal grenzte, die Kindlichkeit, mit der sie Eduard und Jenny glücklich pries, in diesem haus zu wohnen, machte die Andern mit ihr froh, und selbst Joseph's Stimmung wurde freundlicher vor so viel Liebenswürdigkeit.

Clara fühlte sich bereits ganz heimisch in dem Kreise, als der Vater hinzukam und man sich zu dem reich versehenen Frühstück niedersetzte, während dessen die Unterhaltung in zwei Teile zerfiel. Hughes hatte Briefe aus London erhalten, teilte manches Neue daraus mit, und es ergab sich in Folge dessen unter den Herren eine Unterhaltung, die zwischen geschäftlichen und politischen Interessen sich hin und her bewegte, und an der auch Eduard Anteil zu nehmen gezwungen war, obgleich er neben Clara sass und mehr auf ihr Gespräch mit den Damen achtete, als er zugestehen wollte. Sie musste erzählen, wie sich der Unfall zugetragen, der sie so lange an ihr Zimmer gefesselt hatte; sie konnte nicht genug ausdrücken, wie dankbar sie dem Doctor für seine grosse Sorgfalt sei, wie seine Freundlichkeit, sein Trost ihr die Stunden des Schmerzes verkürzt hätten. Die Mutter und Jenny waren hoch erfreut über diese Aeusserungen. Aber den Vater machte die Wärme nachdenklich, mit welcher Clara von seinem Sohne sprach.

Plötzlich klopfte es an die tür. Man rief "herein", musste aber den Ruf zum zweiten und dritten Male wiederholen, ehe Steinheim mit Mephisto's Worten: "So recht! Du musst es dreimal sagen", seine Mutter am arme, in das Zimmer trat. Man stand auf, die alte Frau Steinheim zu bewillkommnen. Sie wollte aber durchaus nicht leiden, dass man sich ihretwegen derangire, und bat mit schnarrender stimme und jüdischem Jargon, gar keine Notiz von ihr zu nehmen, da sie nur auf wenig Augenblicke gekommen sei.

Ich war bei der Benteim, deren Mann krank ist und die ausserdem Aerger mit den Dienstboten hat", sagte sie zur Hausfrau. Denken Sie sich, die Hanne, die person, welche früher bei der Rosenstiel diente, hat der Benteim aus der Chiffonière zwei Ringe gestohlen. Da hat sie mich gebeten, bei der Rosenstiel nachzuhören, ob dort Aehnliches passirt sei, und ich will mit meinem Sohne gleich von hier dortin fahren. Man hat meinen Sohn so gern bei der Rosenstiel; er amüsirt sich so mit den Mädchen, dass ich ihn leicht dazu bekam, mich zu begleiten. Haben Sie gehört, Jenny, sagte sie zu dieser, wie die älteste Rosenstiel das "Una voce" singt? göttlich, sage ich Ihnen! – und ehe noch Jemand Zeit gewann, ihr fräulein Horn vorzustellen, oder ein Wort zu sprechen; ehe Jenny ihre letzte Frage beantworten konnte, fuhr sie gegen Clara gewendet fort: Sie kennen doch die Rosenstiels?

Ich habe das Vergnügen nicht, antwortete Clara ganz verwundert über das sonderbare Betragen der alten Frau.

Was? Sie kennen die Rosenstiels nicht? – Denke Dir, mein Sohn, fräulein Horn kennt die Rosenstiels nicht! Haben Sie denn nie von der Malerei der zweiten Tochter gehört? Ein enormes Talent! sage ich Ihnen; eben so viel Genie fürs Malen, wie die älteste für den Gesang. Rein merkwürdig! Die Mutter ist eine geborne Strahl, von den Strahl's aus Frankfurt, abgerechnet, dass die Frau sich zu jugendlich kleidet, eine ganz charmante Frau. Wissen Sie noch, liebste Meier, wie der Doctor Herzheim ihr die Cour machte? Das kann sie noch nicht vergessen. Mein Sohn würde sagen: "Ewig jung bleibt nur die Phantasie"; aber wissen Sie, der junge Herzheim wird die älteste