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Herzen einprägen wollte; die alte Gewohnheit ist mir geblieben, wie Du siehst. Jenny, von den Ihrigen im Zweifel erzogen, ist ein weiblicher Freigeist geworden. Wird sie, die Glaubenslose, Dich dauernd glücklich machen können?

Reinhard sah brütend vor sich nieder, ohne zu antworten; auch seine Mutter verlor sich in Gedanken. So sassen sie eine Weile still beisammen. Bei den Männern, hub die Mutter dann aufs Neue an, ihrer Gedankenreihe Ausdruck gebend, bei den Männern, bei Jenny's Vater, bei Eduard, fällt der Unglaube nicht so störend auf, weil philosophische erkenntnis ihnen eine feste überzeugung gegeben hat. Aber Madame Meier selbst bedauert die Richtung, welche ihre Tochter genommen hat, denn die Mutter ist ein frommes, echt weibliches Gemüt; und sage mir ehrlich, mein Sohn! glaubst Du, Jenny werde jemals von Herzen Christin sein? Wenn Du nun dastehst und mit inniger Erhebung Deiner Gemeinde das Abendmahl erteilst im Namen unsers Heilandes, der für uns gestorben ist, wird Dein Herz nicht bluten bei dem Gedanken, dass Deine Frau, Dein anderes Ich, der heiligen Handlung kalt und zweifelnd zusieht und innerlich Dich und die Gemeinde bemitleidet, die Erbauung findet, wo sie ein leeres Formenwesen sieht? Hast Du Dir Jenny als die Mutter Deiner Töchter gedacht? – Sie könnte einem mann unter anderen Verhältnissen gewiss viel, sehr viel sein, aber keinem Christen, keinem Geistlichen, der aus innerer überzeugung seinen Beruf heilig hält.

Nein! rief Reinhard plötzlich aus, nein! Du irrst Dich Mutter! Es wird anders werden, anders sein! Das Licht göttlicher Wahrheit wird auch in Jenny's Geist leuchten, sie wird einsehen und fühlen, dass im Christentum der Quell ewiger Seligkeit rein und lauter strömt. Ein starker Glaube, wie meiner, muss sie davon überzeugen, und ist sie nicht schon dem Herzen nach Christin? Alles, was Du an ihr tadelst, liebe Mutter, wird schwinden; Du hast es selbst vorhin gesagt, wenn ihr Gemüt die ewig wahre Lehre in sich aufgenommen haben wird, wenn eine edlere Freude, eine selige Ruhe sie beleben werden. Denke Dir, welch ein Glück, die Seele seiner Frau gebildet zu haben, sie gewonnen zu haben für die Wahrheit! – Und werde ich ihr nicht Schätze bieten, edler und unschätzbarer, als ihre Reichtümer, die mich ängstigten? Morgen noch sage ich ihr, dass ich sie liebe, und ich hoffe, Dir morgen eine Tochter zuzuführen, die würdig ist, einen Platz an Deinem Herzen zu finden! O teure Mutter! glaube mir! wir werden sehr glücklich sein. Ich allein weiss, welch eine Welt von Liebe, von Grossmut in Jenny lebt, ihre Seele entspricht dem holden, süssen Antlitzund Beides mein! Jenny ganz mein, mein Eigen! Es ist fast zu viel Glück! – sagte er lächelnd, und fing an, der Pfarrerin ein Bild ihres künftigen Lebens in ländlicher Stille zu entwerfen, das der armen Frau Tränen entlockte, eben weil sie ihrem Sohne ein solches los wünschte, und doch zweifelte, ob es jemals Jenny zusagen würde. Nur mit Ueberwindung wagte sie, ihrem Sohne den Vorschlag zu machen, noch ein paar Tage mit seiner Werbung zu zögern, nochmals reiflich zu überlegendenn zu harren, bis er eine Anstellung gefunden, dazu war er nicht zu überreden.

Die Warnungen seiner Mutter, ihre Missbilligung hatten nur dazu gedient, ihn an Jenny's Vorzüge zu erinnern, und widerstrebend versprach er, das Meiersche Haus ein paar Tage zu meiden, und Jenny nicht zu sehen. Der nächste Morgen, ein Sonntag, brachte nach trüben Tagen mit Wind und Schneegestöber, wie der Dezember sie bietet, einen klaren, frischen Frost. Die Strassen waren trocken, und sahen in der Sonntagsstille, die in grossen geräuschvollen Handelsstädten um so friedlicher erscheint, gar reinlich und festlich aus.

Mit der eitlen Sorgsamkeit einer Hausfrau musterte Madame Meier die Zimmer, liess nochmals jedes Stäubchen fortkehren, und wollte es doch nicht wahr haben, dass sie heute noch mehr darauf halte, als sonst, weil sie Clara zum Frühstück erwartete. Eduard hatte die erste Morgenstunde dazu benutzt, mit dem Gärtner das Treibhaus zu durchwandern. Er selbst hatte die seltensten Exemplare in das rechte Licht gestellt, den Frühstückstisch unter die Orangen setzen lassen, deren Blüten am üppigsten dufteten, und dem Gärtner aufgetragen, ein Bouquet zu arrangiren, das für diese Jahreszeit als ein wahres Wunder erscheinen musste. Dann hatte er in fast knabenhafter Fröhlichkeit mit Jenny gescherzt, mit ihr herumgewalzt, als eine truppe Musikanten auf der Strasse spielte, und sie zuletzt gebeten, doch zuzusehen, dass es Clara in seinem elterlichen haus recht gefallen möge.

Joseph sah teilnahmlos dem fröhlichen Treiben der Geschwister zu. Er wurde wehmütig gestimmt, als Jenny nach Eduard's Entfernung zu ihm kam, ihm die Hand reichte und mit ungewohnter Feierlichkeit zu ihm sagte: Joseph! ich habe Dich bis jetzt verkannt, Dich nicht genug geliebt. Was mir die Zukunft auch bringen wird, Du sollst mein geliebter Bruder, mein zweiter Eduard sein. Willst Du das? und Du kannst mir vertrauen, wie einem mann, wie ich Dir! – Er antwortete ihr nicht gleich, sie hatte sein Urteil ausgesprochen, über sich und ihn entschieden. So sei es, war Alles, was er ihr endlich zu erwidern vermochte, weil er alle Art von Aufregungen eben so ängstlich mied, als