, ohne Freude und Genuss, und giesst den edlen Wein hinunter, gedankenlos, als gälte es, das harte tägliche Brot mit langweiligem wasser hinabzuspülen. Ich werde irre an Dir, Doctor! Was fehlt Dir, was denkst Du, was meinst Du? Soll ein Gott vom Himmel steigen, um Dir zu beweisen, dass die Welt die beste ist, in der auf ödem Kalkfelsen dieser Göttertrank zu wachsen vermag? in der auf allen Wegen die schönsten Blumen erblühen, und in manchen alten Häusern die hellsten Mädchenaugen blitzen? Sünder, gehe in Dich, und tue Busse, und rufe mit mir: Die Weiber sollen leben! – und – ha! nun hab' ich's, was ihn wecken wird; steht auf, ihr Weisen, und trinket mit mir! Meier, Deine Schwester soll leben! –
Reinhard und Hughes standen auf, und der Letztere rief lebhaft: Ja! das schöne Mädchen mit dem dunkeln Flammenblick soll leben und immer leben! –
Auch Reinhard, in dem noch mancher Widerhall seiner Studentenjahre nachtönte, erhob sein Glas, und bereitete sich, es gegen die andern Gläser klingen zu lassen, nur Meier blieb ruhig sitzen und sagte: Seit wann ist es Sitte, dass man bei Zechgelagen auf das Wohl unbescholtener Mädchen trinkt? Ich werde es wenigstens nicht leiden, dass der Name meiner Schwester in meiner Gegenwart im Weinhause entweiht werde. Setzen Sie sich, meine Herren! den Toast nehme ich nicht an. –
Dieser ruhige, ernste Ton schien Erlau plötzlich abzukühlen, während er den Engländer in lebhafte Bewegung versetzte. Er ging rasch auf Meier zu, und rief: Verzeihen Sie mir, mein Herr! aber Sie müssen mein Freund werden! Wir Engländer haben sonst nicht das Herz auf der Zunge – aber Ihr Deutschen seid unsere Stammverwandten. Ihr wisst es, was sweet home und a blushing maid dem Herzen sein können – Sie wissen es vor Vielen gut, darum schlagen Sie ein, Doctor! ich bin dessen nicht unwert!
Meier tat, wie Jener es verlangte, und tat es gern, denn es lag so viel Ehrenhaftes in dem Gesicht des Fremden, dass es augenblicklich für ihn einnahm. Auch Reinhard schüttelte ihm die Hand und man trank auf die Dauer und das Gedeihen des neuen Bundes. Dadurch blieb Erlau allein stehen; er goss zwei Gläser voll, nahm in jede Hand eins derselben und sprach in affectirter Traurigkeit: Auf das U folgt gleich das Weh, das ist die Ordnung im A B C – auf jeden Augenblick voll Wonne eine Ewigkeit von langer Weile, denn ich schwöre Euch! die rechte, wahrhafte Ewigkeit wird erst recht langweilig sein. Auf jede liebenswürdige Sünde folgt bei Euch eine unausstehliche Bussfertigkeit. Anatema! über das ausgeartete Geschlecht, das nicht begreift, wie man sündigt aus süsser, inniger überzeugung; dem nur en passant ein kleines, bornirtes Sündchen in den Weg kommt, und das nie jenes grossartige Gebet des edlen Russen begriff und gläubig zu beten vermochte: Herr! führe mich in Versuchung, damit ich unterliege! – Hier stehe ich allein, ich fühle es, in einer verderbten Zeit, in der mich Niemand versteht, und so muss ich für mich allein den Toast ausbringen: Gott erhalte mich in meiner geliebten Sündhaftigkeit, worauf ich dies Glas ausleere – und hole der Teufel Eure verdammte Tugend, bei der man nicht an ein hübsches Mädchen denken und ihm Glück wünschen darf, ohne eine Ladung Moral und ein Fuder Gefühl in den Kauf zu bekommen. – Dabei leerte er das zweite Glas, und sagte verdriesslich, während die Andern herzlich lachten: und nun könnt Ihr Alle ruhig nach haus gehen, nachdem Ihr mich mit Eurer abgeschmackten Sentimentalität um meine beste Laune gebracht habt. Geht nach haus und schlaft wie die Ratten und träumt tugendhaft – ich werde noch nach dem Fenster der göttlichen Giovanolla wandeln, und sehen, ob dieser süsse Strahl der Liebe, der, Gott sei Dank! keine Heilige ist, noch über der Erde leuchtet, oder ob er sich schon hinter den Wolken des Schlummers verborgen hat, und mir erst morgen wieder als Stern und Sonne aufgehen will. – Beiläufig könnte ich dann diesen unsern Insulaner in das Haus seines Onkels geleiten, in sein sweet home, damit er uns nicht auf den Querstrassen des Lebens verloren gehe, und seine warme Seele nicht erstarre in kalter Winternacht. – Gute Nacht, liebe Söhne! Gute Nacht, Meier – kommen Sie, Herr Hughes! – Mit diesen Worten brach er auf und die Gesellschaft ging aus einander. Wo warst Du gestern, Eduard? fragte Jenny Meier am nächsten Morgen ihren Bruder, als dieser in das Wohnzimmer seiner Eltern trat, in welchem die Familie frühstückend beisammen sass. Wir hatten Dich zum Tee erwartet, und Du kamst nicht! Auch im Teater bist Du nicht gewesen!
Steinheim war bei mir, und unser Joseph, und wir plauderten eine Weile; dann wollte ich mit ihnen hinauf kommen, und Eure Rückkehr aus dem Teater erwarten, wurde aber plötzlich in das Haus des Commerzienrats Horn gerufen, wo sich die Tochter den Fuss gebrochen hatte, als sie aus dem Teater kam. So gingen meine Gäste fort, und ich sprach nachher, als ich den Verband angelegt hatte und nach haus gehen wollte, bei Gerhard ein, fand dort Bekannte, und blieb noch eine Stunde sitzen!
Mein Gott! rief die Mutter, hat sich das schöne Mädchen schwer beschädigt?
Du hörst es ja