, doch! – Du musst mit Dir selbst einig werden. Du weisst, das viele Sprechen ist nicht meine Sache; um Dich aber aufzuklären über Dich selbst, müssen wir aufrichtig mit einander sein. Den Glauben an Gott, die Lehren, recht zu tun und dem nächsten zu dienen, entält das alte Testament, und Du findest sie veredelt und einer höhern geistigen entwicklung entsprechend im neuen Testamente wieder; und Mahomet und Zoroaster lehrten sie – denn sie sind begründet in der Seele, die uns Gott gegeben. Darüber hinaus ist alles Menschensatzung. Und Du, grossgezogen in den Vorstellungen des jetzigen Judentums, wirst nie aufhören, an Alles den Massstab der Vernunft anzulegen. Du hast gesehen, dass Deine Familie, gut und brav, den Gesetzen der Moral gefolgt ist, und doch die gesetz, die das Judentum charakterisiren, als blosses Ceremonialgesetz verwirft. Du bist erzogen in der Schule des Gedankens, wenn ich so sagen darf, und Dir ist die Möglichkeit des Glaubens ohne Prüfung dadurch genommen. Du wirst hoffentlich ein Mensch werden nach dem Herzen Gottes, aber Du wirst niemals Christin sein noch Jüdin. Wie wir Juden jetzt in religiöser Beziehung denken, gibt es keine positive Religion mehr, die für uns möglich ist, und wir teilen mit Tausenden von Christen die Hoffnung, dass eine neue Religion sich aus den Wirren hervorarbeiten werde, deren Lehren nur Nächstenliebe und Wahrheit, deren Mittelpunkt Gott sein muss, ohne dass sie einer mystischen Einhüllung bedürfen wird.
Joseph hielt inne, und auch Jenny schwieg. Endlich fragte sie leise: Und was soll aus mir werden? Was soll ich denn beginnen, wenn ich nicht glauben kann?
Joseph, der neben ihr auf dem Divan sass, zog sie sanft an sich und sagte mit dem mildesten Tone, dessen seine stimme fähig war: Du sollst Dich prüfen, ob Du ohne Reinhard nicht glücklich zu sein vermagst, denn nur ihn suchst Du im Christentume. Du sollst prüfen, ob Reinhard Dir eine so feste Stütze im Leben werden kann, als die Deinen? Reinhard ist gut und brav, aber ich fürchte, Ihr Beide werdet einander nie verstehen – und am Ende wirst Du Deinem Herzen folgen. Das allein entscheidet zuletzt das Schicksal der Frauen. Gott gebe, dass Dein Herz Dich niemals irre leitet.
Er küsste mit den Worten Jenny's Stirn, sie lehnte ergriffen und verschämt den Kopf an seine Schulter, da klopfte es an die tür und Reinhard trat in's Zimmer. Er blieb erschreckend stehen, Jenny erhob sich nicht weniger erschrocken und eilte schnell hinaus, nur Joseph war ruhig und hiess den Gast willkommen. Dadurch gewann Reinhard Zeit, sich zu fassen; einen kurzen Moment schien er zu überlegen, dann ging er schnell und leidenschaftlich bewegt auf Joseph zu und sagte: Ich kenne Sie nicht genau genug, um eigentlich eine solche Frage an Sie richten zu dürfen. Sie könnten mich der Zudringlichkeit beschuldigen, aber mein Lebensglück hängt von der Frage ab: Wie stehen Sie mit Jenny?
Ihre Forderung ist allerdings sonderbar, antwortete Jener, da ich wirklich nicht einsehe, was Sie zu der Frage berechtigt? Doch will ich Ihnen antworten, weil ich Ihrer Ehre vertraue.
Meine Cousine ist mir eine teure Verwandte, die, unter meinen Augen aufgewachsen, mir wie eine Schwester wert ist.
Und Sie ist nicht Ihre Braut? fragte Reinhard weiter.
Nein! war die entschiedene Erwiderung.
Aber Sie lieben Jenny? Was bedeutet sonst die Scene, die ich eben hier mit angesehen habe?
Darüber brauche ich Ihnen keine Auskunft zu geben, und es ist mehr als Sie fragen dürfen, wenn Sie fräulein Meier die achtung zollen, die sie zu fordern berechtigt ist, sagte Joseph tadelnd.
Reinhard wollte eben eine heftige Entgegnung machen, denn seine Eifersucht raubte ihm die Besinnung; doch bezwang er sich gewaltsam, und mit erkünstelter Ruhe sagte er: Ich muss es darauf ankommen lassen, wie Sie über mich in diesem Augenblicke urteilen mögen. Vielleicht gelingt es mir bald, Ihnen in günstigerem Lichte zu erscheinen, und mein Betragen vor Ihnen zu rechtfertigen. – Mit den Worten verliess er Joseph, der gedankenschwer im Zimmer auf und ab ging, bis sein Oheim mit seiner Frau nach haus kam, denen bald darauf Eduard in der besten Laune folgte. Der Doctor kam aus dem Horn'schen haus. Man hatte dort von einem Treibhause gesprochen, in dem eine Menge der schönsten Blumen gerade jetzt in voller Blüte ständen, und Hughes hatte dabei die Bemerkung gemacht, er halte das Treibhaus von Eduard's Vater für eines der reichsten und schönsten, die er jemals gesehen habe. Er erzählte von alle den verschiedenen Camelien, Azalien und Hyazinten. Clara schien sich dafür lebhaft zu interessiren, und Eduard wagte endlich den Vorschlag, sie möge seinen Eltern die Freude machen, sich selbst durch den Augenschein davon zu überzeugen. Hughes fand die idee vortrefflich; er war gleich bereit, seine Cousine zu begleiten, und erhielt dazu nach einigen Einwendungen die erlaubnis seiner Tante.
Die Commerzienrätin nämlich, die ihren Plan niemals aus dem gesicht verlor, fingen William's häufige Besuche im Meierschen haus zu beunruhigen an. Es bangte ihr vor der Möglichkeit, Jenny könne der Magnet sein, der ihn dort hinziehe, und sie wünschte lebhaft, die Verlobung Clara's mit William, die ihr sehr am Herzen lag, so schnell als möglich geschlossen zu sehen. Darum war ihr jede Veranlassung willkommen, die Clara