den sie nach demselben empfunden, und Jenny, deren ganze Seele gerade jetzt in der furchtbarsten Unruhe befangen war, fühlte sich dadurch in ihrer Ansicht bestärkt, und fing an, auch die Eltern allmälig auf ihre Wünsche vorzubereiten. Diese nahmen es anfänglich leicht. Sie hielten es für eine jener entusiastischen Aufwallungen, die sie an ihrer Tochter gewohnt waren, und mit denen sie sich ebenso gut für das Christentum und einen allgemeinen Kreuzzug, als für das Judentum und die Begründung eines neuen jüdischen Reiches begeistern konnte. Nur Joseph fasste es anders auf. Er kannte die geheimen Triebfedern, die hier im Spiele waren, und ein doppeltes Interesse flösste ihm den Wunsch ein, die Ausführung oder das Ausbilden dieses Gedankens bei Jenny zu verhindern.
Eines Tages, als man vom Mittagstische aufgestanden war, Eduard sich entfernt, und die Eltern eine kleine Spazierfahrt unternommen hatten, die Jenny mitzumachen abgelehnt, blieb sie mit Joseph allein in dem Esszimmer zurück und das Gespräch wandte sich bald auf das Christentum und Jenny's beabsichtigten Uebertritt, da Joseph sowohl als Jenny gleich lebhaft bei dem Tema beteiligt waren.
Was ist es denn eigentlich, fragte Joseph, was Dich so urplötzlich zu dem Entschlusse gebracht hat?
Urplötzlich kannst Du ihn nicht nennen, antwortete sie. Ich habe bis jetzt überhaupt nicht über mich selbst nachgedacht; ich habe wie ein Kind in den Tag hineingelebt. Nun ich älter werde und ernster über mich nachdenke, fühle ich, dass die Halbheit, in der ich erzogen bin, mich nicht befriedigt, dass ich nicht glücklich bin, und ich will das ändern.
Joseph lächelte unwillkürlich. Und Du hoffst, das Christentum werde Dich glücklicher machen? Täusche Dich doch nicht! Der Glaube, der Friede, der nicht in uns ist, den bringt kein Wechsel der Religion in unser Herz, den kann Dir weder Christus noch Moses geben.
Das kannst Du nicht wissen, weil Du selbst nicht Christ bist! erwiderte sie.
Und woher weisst Du es denn?
Durch Terese, durch Reinhard. O! wenn Du wüsstest, wie selig Terese nach dem Genusse des Abendmahls war, wie fest Reinhard daran glaubt, dass selbst Leiden, die Gott uns auferlegt, zu unserm Heile dienen, wie sicher er darauf rechnet, nach dem tod mit seinen geliebten Verstorbenen wieder vereinigt zu werden! Joseph, glaube mir, mit der überzeugung muss man glücklich sein!
Joseph schwieg eine Weile, denn Jenny's Worte, aus denen ihre angeborne Lebhaftigkeit mit der Liebe für Reinhard zugleich hervortönte, machten einen schmerzlichen Eindruck auf ihn. Er beneidete Reinhard, dass er Jenny's Liebe gewonnen, und war einen Augenblick nahe daran, ganz von dieser Unterhaltung abzubrechen und mit keinem Zweifel ein Herz zu beunruhigen, das für ihn, wie er fühlte, hoffnungslos verloren sei. Indess war Jenny ihm zu teuer, als dass er sie ohne Besorgniss auf einem Pfade sehen konnte, dessen Ziel ihm für ihre Ruhe durchaus gefährlich schien, und er hielt es für recht und nötig, bei einem so wichtigen Schritte, an dessen Ausführung er, wie er die Verhältnisse kannte, nicht mehr zweifelte, die stimme der Warnung ernstlich geltend zu machen.
Verkenne mich nicht, sagte er, wenn ich an die Möglichkeit Deiner ernstlichen Bekehrung zweifle. Du sagst mir, mit Teresens und Reinhard's überzeugung müsse man glücklich sein. Hast Du diese überzeugung?
Nein, antwortete Jenny.
Aber Du glaubst auch, dass Gott über uns lebt, dass er unser Schicksal lenkt, dass uns nichts begegnen könne, ohne seinen Willen, dass er allweise und allgütig ist, dass er uns liebt?
Gewiss, das glaube ich.
Du glaubst, dass wir eine unsterbliche Seele haben? denn das scheint eine von den Ueberzeugungen zu sein, die Du am tröstlichsten findest.
Joseph, fiel Jenny rasch ein, sieh! wenn ich an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben vermöchte, wenn mir das bewiesen werden könnte, so dass ich es einsehen, es begreifen könnte, dann wäre ich schon glücklich. Es ist so furchtbar, Dasjenige auf das blosse Wort eines Andern glauben zu müssen, was uns zur unwandelbaren, felsenfesten überzeugung werden muss, wenn wir nicht beständig in Todesangst erzittern sollen bei dem Gedanken, dass einer unserer Lieben uns entrissen werden könne. Aber bewiesen muss es mir werden, dass ich es erfassen kann mit der Vernunft. Dass Ihr mir sagt: Glaube, wir sind unsterblich, das genügt mir nicht, das vermag ich nicht.
Du vermagst nicht zu glauben, und willst Christin werden? zu einer Religion übertreten, die, ganz auf Offenbarungen fussend, voll von Mysterien, nur durch den Glauben besteht, in Allem, was nicht Moral oder Philosophie ist? Was ist Dir der Sohn Gottes, der Mensch gewordene Gott ohne den Glauben? Wie kann Dich die Anwesenheit Christi im Abendmahle erheben, wenn Du nicht zu glauben vermagst? Oder meinst Du, man könne Dir die Gegenwart Christi im Sakramente beweisen? es gäbe eine Erklärung für die Kindschaft Jesu? Kannst Du den heiligen Geist, die Dreieinigkeit begreifen? Man wird Dir ein Bild dafür geben, aber wer gibt Dir die Fähigkeit zu glauben, dieses Bild sei Wahrheit?
O Gott! nicht weiter, rief Jenny weinend aus, nicht weiter, Joseph! mache mich nicht haltlos.
Doch! mein Kind! denn wie mein Kind, oder wie eine Schwester liebe ich Dich, sagte Joseph mit bebender stimme, sich selber überwindend