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zärtlich nachgebende Mutter spielte, um desto leichter das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Dazu kam, dass der bisherige alte Hausarzt der Horn'schen Familie gerade jetzt, nachdem er sein Jubiläum feierlich begangen hatte, seine Praxis niederlegte, und der Commerzienrätin selbst den Vorschlag machte, Eduard zu ihrem arzt zu erwählen, wodurch er gewissermassen von Rechtswegen in die Zahl der Hausfreunde mit aufgenommen wurde. Seine fleissigen Besuche schrieb Madame Horn der Ehre zu, die ihm durch seine Wahl widerfahren sei und die er zu schätzen wisse; und dass Clara's Interesse für den Doctor andere Motive, als Erkenntlichkeit haben könne, war ein Gedanke, der ihr niemals einfiel, weil sie die Liebe ihrer Tochter zu einem Juden für eine Naturverirrung angesehen haben würde, die sie einem Mädchen aus ihrer Familie unmöglich zutrauen konnte.

Das Jahr näherte sich seinem Ende, als Eduard fast ein täglicher, und selbst von den Eltern gern gesehener Gast des Horn'schen Hauses geworden war. Der Commerzienrat, der durch seine Geschäfte fortwährend mit den jüdischen Bankiers in Berührung kam, und den alten Meier persönlich achtete, war natürlich weniger hartnäckig in seinem Widerwillen gegen die Juden; und Eduard hatte, schon während er Clara behandelte, sich das volle Zutrauen ihres Vaters gewonnen. Hughes schloss sich immer mehr an Eduard an, und diesem war das um so lieber, als er durch ihn in fortwährender Berührung mit Clara blieb, deren unzertrennlicher Begleiter der Cousin seit Ferdinands Abwesenheit geworden war.

Für Clara begann nun eine Zeit der reinsten Freude. Eduard überliess sich mit jugendlicher Lebendigkeit der Wonne, die ihm das Beisammensein mit der Geliebten gewährte, ohne an die Zukunft zu denken, weil die Gegenwart ihn hinnahm. Hughes, dem Clara mit der schwesterlichsten Traulichkeit begegnete, gerade weil ihr Herz mit Eduard allein beschäftigt war, Hughes fühlte eine wachsende Neigung für sie, der er sich sorglos hingab, da er wusste, dass sie die Wünsche beider Familien für sich habe. Er gehörte zu jenen ruhigen, trefflichen Menschen, die bei wahrem Gefühle doch keiner leidenschaft fähig sind. Er gewann Clara lieb, er liebte sie sogar innig, aber das störte ihn weder in den Beschäftigungen und Zerstreuungen des Tages, noch raubte es ihm eine Stunde des Schlummers während der Nacht. Unermüdlich aufmerksam auf Alles, was Clara erfreuen konnte, stets besorgt, ihr Unangenehmes zu ersparen, war er ganz zufrieden mit dem Wohlwollen, das sie ihm bewies, und des Doctors Einfluss auf seine Cousine beunruhigte ihn nicht, da er mit offenem Vertrauen an Beiden hing. Eduard hinwiederum entgingen die Gefühle nicht, die William für Clara hegte, aber so fest glaubte er an ihres Herzens Wahrhaftigkeit, dass nie ein Gedanke von Eifersucht in ihm rege wurde. Wenn dann aber plötzlich die Frage in ihm hervortrat, was die Zukunft ihm bringen werde, was das Ende von allen diesen Verhältnissen sein könne? dann zog sich eine düstre Wolke auf seiner Stirn zusammen. Er sagte sich, dass er schlecht, dass er unredlich handle, er rief es sich zurück, wie fest der Entschluss, Clara zu meiden, einst in ihm gewesen sei, und fand nicht Frieden, nicht Ruhe, bis er in Clara's Nähe Alles wieder vergass, ausser seiner Liebe für sie.

Da er den ganzen Tag beschäftigt und Abends häufig im Hornschen haus war, anderer Einladungen nicht zu gedenken, an denen es dem beliebten arzt nicht fehlte, musste er natürlich in seinem elterlichen haus seltener werden, obgleich er das Mittagsmahl regelmässig mit den Seinen einnahm, und oft ängstlich nach Musse strebte, um sie den Eltern zu widmen. Die nächste Folge davon war, dass Jenny aus Missmut, wie sie sagte, sich an Joseph zu gewöhnen begann, und Zutrauen zu ihm fasste. Denn Reinhard hielt sich in scheuer Entfernung, er misstraute sich und der Geliebten. Eduard war, um Jenny's Worte zu brauchen, der Fahne untreu geworden, und auf dem Punkte, zu desertiren. Erlau malte die Giovanolla und folgte ihr von früh bis spät. Steinheim endlich hatte zum zehnten Male eine jener literarischen arbeiten vorgenommen, deren er immer ein halb Dutzend unter den Händen hatte, die ihn ein paar Wochen lang beschäftigten und ihm unsterblichen Ruhm verschaffen sollten, die aber niemals fertig wurden, weil er weder Ruhe noch Fleiss genug dazu besass, und somit war die Meiersche Familie jetzt mehr allein, als es sonst der Fall zu sein pflegte.

Dieser Zustand wurde der lebhaften Jenny unerträglich. Gepeinigt durch Reinhard's Benehmen, das sie sich nicht zu deuten vermochte, gelangweilt durch die ungewohnte Einsamkeit und Stille des Hauses, tauchte einst plötzlich in ihr der Entschluss auf, Reinhard's Zweifeln, die ihrer Meinung nach nur aus dem verschiedenen Glauben entspringen konnten, ein Ende zu machen, und zugleich dem Geliebten einen überzeugenden Beweis ihrer Liebe zu geben, indem sie sich von der Religion ihrer Väter, ihrer Eltern trennte und zum Christentum überträte, dessen Lehren ihr durch Reinhard lieb geworden waren.

Dieser Vorsatz, einmal gefasst, kam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Terese, der sie ihn zuerst als das tiefste geheimnis mitteilte, ohne jedoch die wahren Motive anzugeben, zerfloss in Tränen der Freude bei dem Gedanken, dass ihr Jenny künftig auch durch den gleichen Glauben angehören wolle. Sie malte mit rührender Inbrunst den Segen, der Jenny in dem Besuch der Kirche, in dem Genusse des heiligen Abendmahls zu teil werden müsse; sie schilderte ihr die Ruhe, den Himmelsfrieden,