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Scene zu machen, war sie dennoch fortgesetzt worden, bis die Mutter in höchster Entrüstung das Zimmer verliess, und der Vater allein bei ihr zurückblieb, sich vor der Tochter bitter über das los beklagend, das ihm an der Seite ihrer Mutter geworden sei.

Bald darauf war Eduard eingetreten. Clara war allein. Die Krankenwärterin sass in der geöffneten Nebenstube schläfrig strickend bei der Lampe, deren Schein durch einen grünen Ueberwurf gemildert war. Alles war still in dem Zimmer, und Eduard hörte um so deutlicher an den unruhigen Atemzügen der Leidenden, dass sie eben erst zu weinen aufgehört hatte. Freundlich fragte er sie nach ihrem Befinden, er wollte ihre Hand ergreifen, um sich durch den Pulsschlag selbst davon zu überzeugen, aber sie zog die Hand rasch fort, und sagte: "Ach! das beweist heute nichts; ich leide freilich, aber Sie können mir nicht helfen, lieber Doctor!" und dabei brach sie auf's Neue in heisse Tränen aus.

Der Doctor beschied sich und versuchte sie um ihr körperliches Uebel zu befragen, sie war aber so aufgeregt, dass sie, ihre sonstige Zurückhaltung gänzlich vergessend, ihn mit den Worten unterbrach: Täuschen Sie sich nicht, Herr Doctor! ich will Sie auch nicht länger damit hintergehendie äussere Wunde kann nicht heilen, ich kann nicht genesen, so lange meine Seele auf das Grausamste zerrissen wird. Ich wollte oft, ich brauchte nicht zu leben!

Und denken Sie nicht an Ihre Eltern? Wissen Sie nicht, dass auch für das Leiden der Seele oft wunderkräftiger Balsam in der Zukunft liegt? fragte Eduard. Gerade ein Gemüt, wie das Ihre, muss im Leben Freuden finden, weil es geschaffen ist, Freude zu bereiten durch sein blosses Sein.

Ich habe Niemandem Freude gemacht, ich habe immer allein gestanden unter den Meinen, von Kindheit an; und ohne meines Vaters Liebe wüsste ich kaum, dass ich eine Heimat habe, entgegnete sie ihm schnell. Meinen Tod würde man bald vergessen, und er würde vielleicht ein Glück, er würde zu einem Versöhnungsmittel werden. Sie sagen, ich hätte ein weiches Gemüt; beklagen Sie dann mein Schicksal, das mich in die kälteste Atmosphäre versetzte, in der ich täglich tausendfachen Tod erleide!

Erschöpft lehnte sie sich bei diesen Worten in die Kissen zurück. Der höchste Punkt der Aufregung war vorüber, sie weinte schweigend eine Weile fort, der Doctor liess sie gewähren, weil er diese Tränen als das beste Beruhigungsmittel kannte; aber er betrachtete das schöne Mädchen mit Bedauern. Clara war eine jener Frauennaturen, die, wie er es eben gegen sie selbst ausgesprochen, durch ihr blosses erscheinen wohltuend wirken. Eine gleichmässige Ausbildung aller Seelenkräfte, bei glücklicher Anlage, machte, dass Leute von dem verschiedensten Charakter sich von ihr angezogen fühlten. Der Kluge nannte sie klug, der Leidende teilnehmend, der Frohe fröhlich, und Alle fühlten sich erquickt durch ihre Güte und das Wohlwollen, mit dem sie Jedem begegnete. Man fand sie liebenswert, man war für sie eingenommen, ehe sie irgend etwas getan hatte, dies Urteil zu rechtfertigen. Solch ein Mädchen könnte und müsste der Schutzgeist eines Hauses sein, sagte sich Eduard, und es tat ihm leid, dass dieses milde Wesen einer Familie angehöre, in der es weder glücklich zu sein, noch glücklich zu machen vermochte.

Als Clara sich beruhigt hatte und das medicinische Examen vorbei war, ermahnte der Doctor sie, sich so viel als möglich zu schonen, sich ruhig zu verhalten. Bedenken Sie, sagte er, dass der Körper durch Ihre Gemütsbewegung leidet und nicht die frühere Kraft gewinnen kann, und dass Sie, andererseits, bei diesem gereizten Nervenzustande, jedes geistige Leid doppelt schwer empfinden. Mit diesen Worten wollte er von ihr scheiden, aber sie war wieder Herr über sich selbst geworden, und hielt ihn noch zurück. –

Vergessen Sie, was ich heute sagte, bat sie ihn, ich bin krank, und dabei übertreibt man sein Empfinden. Und denken Sie nicht ungleich von mir, weil ich die Meinen im Unmut angeschuldigt habe. Glauben Sie, Herr Doctor! fügte sie hinzu, indem sie zu lächeln versuchte, ich bin nicht so undankbar, als ich Ihnen heute erscheinen musste, und ich möchte nicht, dass Sie mich dafür hielten.

liebes, gutes fräulein, wie mögen Sie glauben, dass ich an Ihnen irre werden könnte? rief Eduard aus. Genügt es denn nicht, dass ich Sie kenne, dass ich seit Wochen Ihre Geduld, Ihre Fügsamkeit bewundere, um ein schönes, ein reines Bild Ihres Wesens in mir festzustellen? Glauben Sie mir, dem arzt offenbart sich die Schönheit der Menschennatur ebenso oft, als er von der erbärmlichen menschlichen Schwachheit unangenehm überrascht wird. Ihnen danke ich das Erste, und wenn ich als ein kalter Zweifler zu Ihnen gekommen wäre, Ihnen hätte ich die überzeugung zu verdanken, dass im Menschen ein sanfter Strahl der Gotteit lebt.

O! ein so schlechter Christ sind Sie gewiss nicht, dass Sie jemals an Gott gezweifelt und erst meiner Belehrung zum Glauben bedurft hätten! rief Clara, um ihre Bewegung zu verbergen.

Indem fiel ihr aber das Törichte dieser Aeusserung ein, und ihre Verlegenheit nahm zu, als Eduard lächelnd antwortete: Ein Gottesleugner bin ich in der Tat nicht; aber sicher ein herzlich schlechter Christ, da ich ein Jude bin. Gönnen Sie mir also immerhin die Belehrung durch Ihr Beispiel. Wenn es mich auch nicht bekehrt,