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Clique, dass man sich scheuen muss, mit Dir an öffentlichen Orten zu erscheinen, aus Furcht, von Deiner mosaischen Bekanntschaft überfallen zu werden. Die Visite bei Meiers

Würde Ihnen beweisen, dass Ihr Herr Vetter mit seinen Gesinnungen in mancher Beziehung noch tief im Mittelalter steckt, unterbrach Reinhard die Rede, und ich bekenne Ihnen, Herr Horn, dass mir Ihre Aeusserungen nicht nur in unserer Zeit höchst befremdlich scheinen, sondern dass ich sie geradezu für unschicklich halte, nachdem ich Ihnen gesagt habe, dass ich der Familie befreundet bin und sie hochachte.

Entschuldigen Sie, ich vergass, dass Sie Lehrer in dem haus sind und die Sache also anders ansehen müssen. Ich aber, der ich unabhängig bin, gestehe Ihnen – – – –

Gestehen Sie Nichts mehr, Sie haben ja schon so Vieles heute gestanden, rief Erlau dazwischen, was Sie lieber hätten verschweigen sollen. Sie sind ein reicher, junger Kaufmann, sehr elegant, sehr fashionable, was kümmern Sie Geständnisse und Juden? Mein Gott! Sie haben nun einmal die Antipatie, und Sie brauchen ja auch nicht zu Meiers zu gehen, Es hat Sie Niemand gebetenselbst nicht, fügte er halblaut, gegen Reinhard gewendet, hinzu, als vor drei Jahren die Sonntag dort war und der junge Herr alle Segel aufsetzte, um eingeladen zu werden. Ich bitte Dich, Reinhard, ärgere Dich über den Laffen nicht und lass ihn laufen.

Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen, auf dem sie leicht eine verdriessliche Wendung nehmen konnte, da öffnete sich plötzlich die tür und ein junger, hübscher Mann, kaum dreissig Jahre alt, trat in das Zimmer. Er war nur mittler Grösse, aber kräftig und wohl gebaut, hatte krauses, schwarzes Haar, eine gebogene Nase, ein Paar durchdringend kluge, schwarze Augen, und vor Allem eine hohe, gewölbte Stirn, die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter verriet. Seine Bewegungen waren rasch, wie sein blick. Er hatte eine gelbliche aber gesunde Farbe, und war modern, doch ganz einfach gekleidet. Kaum war er in das Zimmer getreten, als Erlau und Reinhard ihm mit dem Ausruf: Guten Abend, Meier, gut dass Du kommst! entgegen gingen. Er wandte sich aber, die Begrüssung nur flüchtig erwidernd, an Horn, und sagte: Ich komme eben aus dem haus Ihrer Eltern. Ihr fräulein Schwester hat sich den Fuss beschädigt, als sie nach der Rückkehr aus dem Teater aus dem Wagen stieg. Man hat mich holen lassen, es ist jetzt Alles in Ordnung, durchaus nichts zu befürchten, und ich freue mich, dass ich Sie hier treffe, denn ich glaube, man erwartet Sie zu haus. – Guten Abend, und schön, dass ich Euch noch finde, fuhr er, gegen die Freunde gewendet, fort, und setzte sich zu ihnen nieder.

Horn machte ein paar besorgte fragen, die von Doctor Meier beruhigend beantwortet wurden, dann brach jener auf, und William wollte ihn begleiten. Erlau indessen, der niemals genug Leute beisammen haben konnte, und dem der Engländer gefiel, redete ihm zu, bei ihnen zu bleiben, um noch ein paar Stunden zu plaudern. Im haus Ihres Onkels können Sie Nichts nützen und hier, sagte er, haben wir gelegenheit, Sie unserm Freunde, dem Doctor Meier, von dem wir vorhin sprachen, vorzustellen, also bleiben Sie immer hier.

William war das zufrieden, und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise, indem er William versicherte, er beneide ihn um den Genuss, in so vortrefflicher Gesellschaft noch länger zu bleiben, dabei warf er einen spöttischen blick auf Meier, den dieser nicht sah, da er Horn den rücken zugewendet hatte, und den Reinhard mit verächtlichem Achselzucken erwiderte.

Ein Kellner räumte die leeren Bouteillen, die gebrauchten Gläser fort, und setzte eine volle Flasche vor die Zurückbleibenden hin.

Erlau, Reinhard und William, die schon seit einer Stunde beim Weine sassen, gerieten allmälig in eine immer munterere Laune, gegen welche Meier's Ruhe eigentümlich abstach. Vor Allen konnte Erlau's ausgelassene Fröhlichkeit sich nicht genug tun; ein Witz folgte dem andern, ein Toast dem andern. AltEngland soll leben! rief er aus, mit seinen freien Institutionen, mit seinem edlen Lord auf dem Wollsack, seiner magna Charta und seinen Constables und Beefsteaks, und Sie sollen leben und leben immer mit uns, wie heute, Mr. Hughes.

Der Toast wurde erwidert. Hughes trank auf die Einheit Deutschlands; Reinhard liess die deutschen Frauen leben, Erlau vor Allen die Schauspielerin, von der schon früher die Rede gewesen war, und Meier gab sich dem Treiben hin, wie ein Erwachsener, der mit Kindern spielt. Er nahm äusserlich teil daran, während ihn im inneren offenbar ein anderer Gegenstand beschäftigte, und er in ein Hinträumen versank, aus dem Erlau's Ruf: Meier, die Deinen sollen leben! ihn aufstörte. Schweigend und nur mit dem kopf nickend dankte dieser, und trank sein Glas aus. Damit war aber Erlau noch nicht zufrieden.

Mein Gott! Du unerträglich ernstafter Doctor und Misantrop, gibt es denn nichts mehr auf der Welt, was Dich aus Deiner philosophischen Philisterlaune herausreissen kann? – Ich erschöpfe mich in hinreissender Geistreichheit, ich verschwende die beste Laune, den allerbesten Wein an Dir, und Du nimmst meine Liebenswürdigkeit, die doch heute ganz ausserordentlich ist, hin, wie ein Bettler das tägliche Brot