, was er ist und erwirbt, diesem Tempel und seiner Priesterin darbringt, weil sein Hoffen und Fürchten in diesen Kreis gebannt ist und er immer wieder dahin zurückkehrt, sobald das Leben mit seinen gebieterischen Forderungen ihn frei lässt; darum haben wir deutschen Männer ein Recht, zu verlangen, dass auch kein unreiner Hauch die Seele eines Mädchens berühre, dem so viel geopfert wird.
Und wie hoch, wie heilig ist uns das Mädchen, das wir lieben! rief plötzlich Reinhard, der bis dahin schweigend zugehört hatte, als ob er aus tiefen Gedanken zu sich käme. Wenn ein Mädchen wüsste, wie schwer und heftig der Kampf ist, den der Mann zu kämpfen hat, ehe er willig und für immer auf seine Ungebundenheit verzichtet, ehe er seine Freiheit opfert! Nur einem Wesen, das man mehr liebt als sich selbst, das man gleich einer Gotteit heilig hält, kann man so untertan werden, als die Liebe es uns dem weib macht. Wer aber ertrüge den Gedanken, dass die Gotteit unsres Herzens unwürdigen Festen beiwohnt? Wer wollte es ruhig ansehen, dass ihr Auge von unreinem Anblick berührt würde? Ich könnte mein Leben daran setzen, der Geliebten eine solche Entweihung zu ersparen; und ein Mädchen, das wahrhaft liebt, das die Liebe, die hingebende, die anbetende Liebe eines Mannes zu begreifen vermag, das in sich auch den Geliebten achtet, muss notwendig und freiwillig Allem entsagen, was diesen und sie zugleich verletzt. Wer es gefühlt hat, wie wahre Liebe das Männerherz reinigt und veredelt, dem muss es wehe tun, wenn die Mädchen selber sich um den Nimbus bringen, den Sittenreinheit um sie hervorzaubert, und der sie unserm Herzen gerade so teuer macht.
Er hatte noch nicht geendet, als sein Auge auf die neben ihm sitzende Jenny fiel, die sich hinter der dampfenden Samovare verbarg und vor Bewegung kaum den Tee zu bereiten vermochte. Er fühlte den bittern Tadel, den er unwillkürlich auch gegen die Geliebte ausgesprochen hatte; er wollte einlenken, aber er vermochte es nicht, denn es war seine innerste überzeugung gewesen, die er ausgesprochen hatte. So viel Glück ihm der heutige Abend im Teater gewährt, so weh tat es ihm doch, dass ein so schlüpferiges, sittenloses Stück, so leichtfertige Gesänge, zum Boten seiner Liebe bei Jenny geworden waren. Das war der Unterschied zwischen ihm und ihr, dass sie, aufgezogen in den Begriffen der sogenannten grossen Welt, trotz ihrer sittlichen Seele, das Gefühl für die Sittenlosigkeit mancher Verhältnisse verloren hatte, oder dass es nicht zum Bewusstsein in ihr gekommen war. Der Figaro, Don Juan und vieles Andere, waren ihr Dinge, an denen sie sich von Kindheit auf erfreut hatte, ohne an das Gute und Böse daran zu denken, und das war ein Zustand, in den weder Eduard noch Reinhard sich zu versetzen vermochten.
Reinhard war bis zu seiner Universitätszeit in einem Landstädtchen in vollkommener Zurückgezogenheit erwachsen, und seinem geist mussten die Eindrücke, die er dann plötzlich in der Gesellschaft und durch das Teater empfing, ganz anders erscheinen, weil er sich der Empfindungen bewusst war, die dadurch in ihm hervorgerufen worden. Eduard hingegen war allmälig durch Nachdenken zu der Ansicht gekommen, die er verteidigte, und die er, durch Verhältnisse, welche wir später dartun werden, angeregt, heute ungewöhnlich warm ausgesprochen hatte.
Beide Männer ahnten nicht, mit welcher Verwunderung Madame Meier und die Pfarrerin den Ansichten ihrer Söhne zuhörten, und dass Beide tiefer in den Herzen derselben lasen, als es ihnen lieb sein mochte. Ebenso hatte Reinhard nicht bedacht, wie weh der armen Jenny sein Urteil tun musste, die sich in aller Unbefangenheit dem Genusse der Musik hingegeben hatte, und die eben heute diese Oper doppelt liebte, weil ihr während derselben die überzeugung geworden war, dass Reinhard's Herz ihr angehöre.
Der Pfarrerin war Jenny's Bewegung nicht entgangen; sie sah den langen, flehenden blick, den Reinhard auf sie richtete, nachdem er gesprochen; sie sah, dass Jenny sich zu ihm neigte und ein paar Worte sprach, die ihren Sohn in das höchste Entzücken zu setzen schienen, denn sein Gesicht leuchtete vor Wonne, aber verstehen konnte sie diese leise gesprochenen Worte nicht. Ich werde nie wieder in den Figaro gehen, hatte Jenny zu Reinhard gesagt, und die Pfarrerin überlegte vergebens, weshalb der Ausdruck von Betrübniss auf dem schönen gesicht des Mädchens trotz Reinhard's Freude nicht verschwinden wollte.
Um der Unterhaltung, die für einige Augenblicke ins Stocken gekommen war, wieder fortzuhelfen, bemerkte die Pfarrerin: Mag man nun über die Moral des Figaro, die allerdings locker genug ist, noch so streng urteilen, es ist nicht zu leugnen, dass die Dichtung Anmut hat, der bezaubernden Composition gar nicht erst zu denken.
Das macht sie um so gefährlicher, schaltete Hughes ein, wenn wir die Gefährlichkeitsteorie der beiden Herren überhaupt annehmen.
Ich bitte Sie, mein Herr, lachte Erlau dazwischen, lassen Sie sich doch von den abgeschmackten Lehren nicht hinreissen. Was so ein Doctor, der längst ein begehrter Heiratscandidat ist, und so ein Candidat der Teologie, der längst Prediger sein möchte, unser Einem vorpredigen und aufdociren möchten, das ist ja deshalb Alles noch nicht wahr. Lassen Sie die Beiden doch lehren, was sie wollen; ich behaupte dennoch, dass im Figaro, im Barbier, im Don Juan, in der ganz vergessenen, lieblichen Fanchon, etwas von der flüchtigen, zierlichen