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nicht ausbleiben! sagte er, wie zu sich selbst. Dann zu Walter sich wendend: und was willst Du tun?

Können Sie noch fragen? antwortete dieser. Der Unverschämte soll mir Genugtuung geben für die Beleidigung. Ich eile, einen meiner Freunde aufzusuchen. Ich werde Sie nicht hinausbegleiten, Onkel!

Ruhig, ruhig, Walter! sagte der alte Graf. Ich werde eben so wenig hinausfahren. Die Angelegenheit ist sehr fatal! Aber sie muss ernst und rasch beseitigt werden, darin stimme ich Dir bei. Es ist das Beste, Du weisest jede Vermittelung ab, zeigst gleich jetzt, dass Du in der Beziehung keinen Scherz verstehst, und damit man erfährt, wie Deine Familie die Sache ansieht, will ich selber Deinen Secundanten machen. Das Handwerk ist mir freilich etwas fremd gewordenindess ich finde mich wohl noch zurecht.

Walter drückte dem väterlichen Freunde die Hand, der seine Unruhe scherzend verbergen wollte, und nahm dankbar sein Erbieten an.

Die Herausforderung liess auch nicht auf sich warten, und Walter bat seinen Onkel, es so einzurichten, dass sie sich am nächsten Morgen schon treffen könnten. Er selbst wolle seine Angelegenheiten ordnen und den Abend dann bei Jenny zubringen. Aber sein Onkel riet ihm davon ab. Er stellte ihm vor, dass Jenny ihn nicht erwarte. Wozu eine unnötige Rührung, sagte er, die sie beunruhigt und Dich aufregt. Ihr jungen Herren der jetzigen Zeit nehmt solche Dinge viel zu schwer. In meiner Jugend war das anders! Doch will ich Dich nicht hindern, Deine Angelegenheiten, wie Du es nennst, zu ordnen. Nur zu Jenny gehe nicht! Du siehst sie ja morgen wieder, sei es, dass Dir ein kleiner Aderlass zugedacht ist, oder dass Du so davon kommst, und Du gehst ruhiger an die Sache, wenn Du Deine Braut ganz unbesorgt weisst.

Diese Einwendungen überzeugten Walter und er fügte sich ihnen willig. Jenny schlief am Morgen ruhig, von anmutigen Träumen gewiegt, als man gegen die Gewohnheit sie aufzuwecken kam. Verwundert fragte sie, was man verlange, da der Eintritt ihres Vaters und Eduard's sie ein unerwartetes Ereigniss ahnen liessen.

Jenny! sagte ihr Vater, kleide Dich schnell an, Du sollst heute zeigen, dass Du die Seelenstärke hast, die wir Dir zugetraut. Walter ist erkrankt und verlangt nach Dir!

Er ist tot! – rief Jenny, überwältigt von dem jähen Schreck.

Nein, er lebt! antwortete Eduard, aber er ist schwer verwundet auf der Jagd, und auf seinen Wunsch hat man ihn hierher gebracht!

Wenig Augenblicke darauf kniete Jenny an dem Lager des Geliebten. Er kannte sie noch, dies bewies der blick voll Liebe und Trauer, mit dem er sie begrüsste, die matte Bewegung, mit der er seine Hand auf ihr Haupt legte, als sie neben ihm niedersank. Aber der Jammer auf den Gesichtern der Anwesenden, die Ruhe und Untätigkeit, welche in dem Zimmer herrschten, sagten ihr deutlich, dass hier keine Hoffnung sei, dass sie an einem Sterbebette stehe. Des Grafen müdes Haupt ruhte wieder an ihrer Brust, unverwandt hing ihr blick an den Zügen des Geliebten, keine Träne kam in ihre Augen, keine Klage entschlüpfte ihren Lippen. Ihr stummer Schmerz beunruhigte die Anwesenden, und mit den Worten: Jenny! so musste ich mein Wort lösen! – versuchte der alte Graf, so tief er selbst gebeugt war, die Unglückliche aus ihrer furchtbaren Ruhe zu reissen. Aber umsonst! Sie sah den Onkel ihres Bräutigams bemitleidend an, reichte ihm die Hand und versenkte ihre Seele wieder in das regungslose Anschauen des Geliebten.

Eine Stunde furchtbarer Stille war so entschwunden, nur Eduard's Bestrebungen, dem Verwundeten einige Erleichterung zu schaffen, unterbrachen die erdrückende Ruhe. Da hörte man plötzlich einen lauten Atemzug, Walter's Kopf sank vorwärtser hatte geendet.

Und mit einem Schrei des furchtbarsten Schmerzes fuhr Jenny nach ihrem Herzen und fiel auf die Leiche ihres Bräutigams nieder. Am folgenden Tage verkündete die Zeitung: "Gestern fand hier ein Schuss-Duell zwischen dem Grafen W ... und dem Baron W ... statt, dessen Folgen für den Grafen tödtlich waren. Er stand auf dem Punkte, sich zu vermählen und der Schmerz über seinen Verlust hat auch der unglücklichen Braut das Leben gekostet. Familienverhältnisse sollen die Veranlassung zum Streite gegeben haben!"

Weiter unten las man: "Den plötzlich erfolgten Tod seiner einzigen Tochter Jenny meldet tief betrübt unter Verbittung des Beileides seinen Freunden und Bekannten R. Meier." Bei Fackelschein hatte Graf Walter die Leiche seines Neffen aus der Stadt führen lassen, um sie selbst in die Gruft seiner Ahnen nach ihrem Stammschlosse zu begleiten. Jetzt am Morgen standen drei Männer an einem frisch aufgeworfenen grab. Es waren der Vater, Eduard und Joseph. Sie hatten es von ihren Freunden als eine Gunst verlangt, dass man ihnen allein die Bestattung der teuern Geschiedenen überlasse, und Niemand hatte es gewagt, ihre Trauer zu stören. Hell ging die Sonne an dem heitern Himmel auf, der freundlichste Herbstmorgen beleuchtete das Grab. Einsam standen die Ihren auf dem fremden christlichen Kirchhof, auf dem nun Jenny fern von ihrer Mutter, fern von jedem Blutsverwandten ruhte. Starr und schweigend sah der unglückliche Vater zur Erde nieder, die sein Kind bedeckte, als aus Joseph's Brust der Ausruf: Wozu leben wir noch? herzzerreissend zum Himmel tönte und die ersten Tränen in die Augen des Vaters