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der Gedanke, Jenny zu verlieren, oder das Gefühl gekränkten Stolzes, das sie erpresste? Walter zerdrückte sie schnell, als schämte er sich derselben und ging in das Haus, um auf seinem Lager, das der Schlummer floh, der Geliebten und des kommenden Tages zu denken.

Auch Jenny konnte keine Ruhe finden. In der ersten Empörung ihrer Seele hatte sie, kaum heimgekehrt, sich ihrem Vater in die arme werfen, ihm das Erlebte mitteilen und ihn beschwören wollen, am folgenden Tage Baden mit ihr zu verlassen. Aber der Gedanke, wie tief die überzeugung ihren Vater schmerzen würde, dass immer wieder der Fluch der Vorurteile auf seinen Kindern ruhe, dass kein Alter und kein verhältnis sie davor schütze, nötigte sie zum Schweigen und scheuchte sie in ihr Zimmer zurück, wo sie sich einsam ihrer Empörung und ihrem Schmerze überliess. Sie konnte sich es nicht verhehlen, sie liebte Walter; nicht mit der stürmischen Glut der leidenschaft, die sie für Reinhard einst gefühlt, sondern mit jener ruhigen Zuversicht, die an der Brust des Geliebten zwar nicht den Himmel jugendlicher Hoffnung, aber eine sichere Zuflucht in allen Stürmen des Lebens erwartet. Sie wusste, wie teuer sie ihm sei, sie konnte sich in den lieblichsten Farben eine Zukunft an seiner Seite denken und hatte ihre Hoffnung, ohne es zu wissen, bereits an diese Zukunft geknüpft. Das fühlte sie an dem Schmerz, den der Gedanke, sich von Walter trennen zu müssen, in ihr hervorrief. Aber diese Trennung stand jetzt als notwendigkeit vor ihr. Die Aeusserungen Steinheim's am Morgen und die Unterhaltung, deren Zuhörerin sie am Abend gewesen war, hatten ihr gezeigt, was sie ohnehin fühlte, dass sie Walter, indem sie seine Hand annehme, in den Kampf verwickle, den sie als Jüdin gegen die Meinung der Menge zu bestehen hatte.

Ich war stark genug, sagte sie, noch ein halbes Kind, meiner Liebe zu entsagen, um Frieden mit mir selbst zu haben, und sollte nicht Kraft besitzen, für Walter ein Gleiches zu tun, für ihn, der mir ein so grosses Opfer bringen will? Nein! Den Leidenskelch, der mir vom Schicksal bestimmt ist, will ich allein leeren. Ich will Walter wiedersehen, ich will ihm morgen sagen, dass ich nie die Seine werde, weil ich ihn liebe, und mir wenigstens den Trost erhalten, sein Leben nicht verbittert zu haben.

Man hatte verabredet, am nächsten Tage die Fahrt nach Gernsbach zu machen, um mit dem Vater der jungen Frau, deren Beschützerin Jenny geworden war, Rücksprache zu nehmen, und man wollte in zwei leichten Kaleschen fahren, da die Ungleichheit des Weges einem grossen Wagen manche Schwierigkeiten bot. Noch am Abend hatte Jenny's Vater Frau von Meining aufgefordert, einen Platz in seiner Kalesche anzunehmen, und Jenny wusste also, dass sie mit Walter fahren würde. Diese gelegenheit wollte sie benutzen, sich gegen ihn zu rechtfertigen, und ihm begreiflich zu machen, dass sie scheiden müssten. Auch Walter hatte seine Hoffnungen auf diese Fahrt gesetzt und war unangenehm überrascht, als am Morgen, nachdem die Wagen vorgefahren waren, der kleine Richard Jenny beschwor, ihn mit sich zu nehmen. Anfangs schlug Jenny es ihm ab, aber der kleine Schmeichler schlang seine arme um ihren Hals und rief weinend: Jenny! Du hast mir's ja gestern versprochen und hast Mama versprochen, dass Du mich immer mitnimmst, und Du sagst, man muss Wort halten. Ich bitte Dich, Tante! nimm mich mit, ich werde ganz artig, ganz artig sein.

Wollte sie die Absicht, mit Walter allein zu sein, nicht verraten, so war es nicht möglich, dem Knaben die Bitte abzuschlagen, da sie ihm dieselbe wirklich am vorigen Tage zu erfüllen versprochen hatte. Ebenso wenig konnte sie daran denken, ihn in den Wagen ihres Vaters zu weisen, dem die Unruhe des lebhaften Kindes bei solchen Fahrten lästig war. Sie musste sich also, wenn auch nicht gern, dazu entschliessen, Richard in Walter's leichtem Wagen mit sich zu nehmen, der, mit des Grafen mutigen Pferden bespannt, schnell einen so bedeutenden Vorsprung gewann, dass sie den Wagen ihres Vaters bald nicht mehr erblickten.

Der Morgen war prächtig, die schnelle Fahrt durch die wunderschöne Gegend erheiterte Jenny's Seele. Zu jener Unterredung, zu der sie sich die Nacht hindurch mit Kraft und Mut gewaffnet hatte, liess die Anwesenheit des Knaben es nicht kommen, der bald Deutsch, bald Englisch sein Entzücken aussprach, nach dem Namen jedes Dorfes fragte, an dem man vorüber fuhr und im Wagen aufspringend mit seiner Schmetterlingsscheere nach den Schmetterlingen haschte, welche fröhlich gaukelnd durch die Lüfte flogen. Sagte man ihm, sich ruhig zu halten, so fiel er Jenny um den Hals, fragte, ob er denn nicht artig sei, versprach, sich gleich besser zu betragen, und war einen Augenblick darauf zu der ausgelassensten Fröhlichkeit und Unruhe zurückgekehrt.

Wie dies fröhliche Kind mit der heitern natur zusammenpasst, die uns umgibt, sagte Walter, der mit Vergnügen den schönen kräftigen Knaben betrachtete. Wir sind fraglos Alle erschaffen, um so glücklich zu sein; und wird einst jenseits eine Rechenschaft von uns gefordert, so wird uns sicher jede Stunde, die wir durch unsere Schuld an Glück verloren, als eine Sünde ausgelegt werden.

Es kommt darauf an, erwiderte Jenny, was Sie unsere Schuld nennen, und ob ...

Jenny!