, stand sie vom Instrumente auf. Kein lautes Zeichen des Beifalls war zu hören, in Vieler Augen standen Tränen; Andre sahen sich befremdet an. Sie schienen dunkel zu ahnen, dass ihnen hier, wo sie flüchtige Unterhaltung zu finden gehofft, eine Wahrheit entgegengetreten war, vor der sie erschraken, wie vor einem Gespenste, das plötzlich am hellen Tage in die Reihen der Lebenden tritt. Selbst Walter und Frau von Meining waren überrascht. So hatte der Graf Jenny niemals singen hören; er, der ihre Seele kannte, hätte sie beschwören mögen, ihm die Ursache des Schmerzes zu vertrauen, der sie eben jetzt erschüttert hatte. Er wollte und musste sie sprechen, aber sie vermied seine Annäherung und verliess bald, nachdem sie gesungen hatte, die Gesellschaft.
Walter begleitete sie aus dem saal hinaus und benutzte einen Augenblick, in dem ihr Vater im Nebenzimmer von einem Bekannten angeredet wurde, zu der Bitte, Jenny möge ihm heute noch eine kurze Unterredung gestatten, an der sein Glück und seine Hoffnung hänge.
Ihr Glück, Herr Graf, antwortete Jenny, liegt ausserhalb meiner Sphäre und Sie täuschen sich, wenn Sie es in meiner Nähe suchen! Glauben Sie mir das, und dringen Sie nicht in mich! Sie reichte ihm bewegt die Hand zum Abschied und ging am arme ihres Vaters davon.
Jenny's Gesang und ihre ganze Erscheinung waren, während dies in einem der Nebenzimmer geschah, im saal der Gegenstand der Unterhaltung geworden. Einige priesen ihre Schönheit und Anmut, andere fanden ihr Auftreten abstossend und stolz, zu ernstaft und selbstbewusst für ein Frauenzimmer; und ebenso grosse Meinungsverschiedenheit herrschte über ihren Gesang.
Die stimme ist vortrefflich, bemerkte die Stiftsdame, aber es zeigt immer von wenig Erziehung, sich und seine Gefühle so preiszugeben. Ich will gestehen, es mag unangenehm genug sein, dem jüdischen volk anzugehören, indess ist es doch nicht unsere Schuld, dass fräulein Meier eine Jüdin ist und sich dessen schämt, und ich begreife nicht, mit welchem Rechte sie sich in der Gesellschaft in einer Weise gehen lässt, die für meine Nerven zum Beispiel viel zu stark ist. Ich versichere Sie, sie hat mich völlig krank gemacht! Viele stimmten ihr bei, schwiegen aber, als Frau von Meining sich dem Kreise näherte, in welchem bald eine leichtere Unterhaltung den Eindruck verwischte, den Jenny's Lied auf die Gesellschaft hervorgebracht. Nur Frau von Meining dachte mit ängstlicher Besorgniss an sie, und ihr entging es nicht, dass auch der Graf bald nach Jenny's Entfernung das Haus verlassen hatte. Der Abend war schwül und dunkel, als Walter aus den glänzend erleuchteten Zimmern der Geheimrätin in die nächtliche Dämmerung hinausschritt. Er hatte im Laufe des Tages die Antwort seines Onkels erhalten, der es ihm nicht verbarg, wie diese Verbindung mit Jenny entschieden gegen seine Ansichten und seine Wünsche sei. Was ich aber nicht hindern kann, schrieb er, mag ich auch nicht tadeln. Du bist unwiderruflich entschlossen und so wünsche ich von Herzen, dass Du in Deiner künftigen Gattin und in ihrer Liebe Ersatz finden mögest für die schweren, grossen Opfer, die Du ihr bringen willst. Sobald Deine Verlobung erklärt ist und Du mit Deiner Braut in unsere Gegend kommst, denke ich Dich zu treffen, um das Mädchen kennen zu lernen, das Dir würdig scheint, den Namen einer Gräfin Walter zu tragen, eine Ehre, um die manche hochgeborne Jungfrau sie beneiden möchte. fräulein Meier wagt viel, indem sie sich auf diese Höhe stellt, und Du wirst Mut und Energie brauchen, um sie dort zu halten. Aber das gerade reizt Dich! Nun, so geschehe, was geschehen soll, und wir wollen sehen, wie man der Angelegenheit die beste Wendung gibt.
Durch diesen Brief von dem Versprechen gegen Herrn Meier befreit, Jenny seine Liebe noch zu verschweigen, hatte er mit freudiger Bewegung den ganzen Tag eine gelegenheit gesucht, sie allein zu sprechen. Steinheim's Besuch, ihre darauf folgende Verstimmung hatten es ihm aber unmöglich gemacht, sich ihr zu nähern und ihn genötigt, sie bei Frau von Meining um jene Unterredung zu bitten, die sie ihm verweigert hatte. Niemand konnte weniger persönliche Eitelkeit besitzen als Walter; indess war er sich der Vorzüge bewusst, welche ihm seine Geburt und seine Verhältnisse vor vielen Männern gaben. Von Jugend auf hatte man ihm wiederholt, wie er jedes Mädchen durch seine Bewerbung ehre und überall waren die Frauen ihm in einer Weise entgegengekommen, die ihm eine Bestätigung für jene Behauptung geboten. Jetzt liebte er mit aller Hingebung seiner Seele. Jenny's früheres Betragen hatte in ihm die Hoffnung erweckt, dass sie seine Gefühle teile; er war bereit, sie gegen die Vorurteile der vornehmen Gesellschaft zu schützen, deren Ansicht er gegen sich hatte, und sie verweigerte sich ihm, obgleich sie seine Liebe kannte.
Voll quälender Ungewissheit kehrte er endlich nach seiner wohnung zurück; in Jenny's Zimmer brannte Licht und ein Schatten bewegte sich an den Vorhängen hin und her. Auch sie musste noch wach sein. Das muss anders werden, sagte Walter zu sich selbst. Ich will, so teuer sie mir ist, weder um ihre Liebe betteln, wenn sie mich ihrer unwert hält, noch ihren Frieden stören. Morgen ist sie mir verlobt, oder ich sehe sie nie wieder! Trotz des männlichen Entschlusses seufzte er, als er nochmals nach Jenny's Fenstern blickte, und eine Träne verdunkelte seinen blick. War es