in tiefes Nachdenken versunken. Walter bemerkte es und versuchte vergebens, in ihrer Seele zu lesen, als ein leichter Windstoss durch die Luft fuhr und Madame Steinheim unruhig auf ihren Gatten blickte. Er schlug den Kragen seines Ueberziehers in die Höhe und rief: "Wie ras't die Windsbraut durch die Luft! Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!" Weisst Du, Hannchen! ich fühle ein Schnupfenfieber im Anzuge, und wenn wir dies Baden-Baden nicht bald verlassen, stehe ich für Nichts. Indess, wenn es Dir hier gefällt ....
Um Gottes willen, nein! sagte die kleine Frau ängstlich, und dann zu den Damen gewandt: Es ist ganz prächtig in Baden und ich hatte gehofft, hier das Badeleben kennen zu lernen, von dem man mir immer erzählt; aber mein Mann hat so erstaunlich reizbare Nerven und meinte gleich, die Luft in diesem engen Tale würde ihm nicht zusagen. Darum wollte ich nur, wir wären schon heraus und in Ems, wo mein lieber Steinheim eine Cur zu brauchen denkt.
Während dieser Rede war Steinheim aufgebrochen, hatte sich fest in seinen Rock geknöpft, seine kleine Frau an den Arm genommen und empfahl sich, Goete's Worte parodirend, also: ""Wir aber, die wir hier nur Fremde sind und hier nur wenig Augenblicke weilten, wir kehren freudig und entzückt zurück, wenn wir Euch in der Vaterstadt begrüssen. Ihr zählt uns zu den Euren und wir fühlen, welch einen Vorzug uns dies los gewährt.""
Bald war das ungleiche Paar den Blicken entschwunden. Der Diener mit dem zusammengerollten Teppich folgte ihm in gemessener Entfernung auf dem fuss nach. Eine grössere Gesellschaft hatte sich am Abend bei Frau von Meining versammelt. Es war das erste Mal, seit sie in Baden lebte, und sie hatte es Herrn Meier und Jenny zur Pflicht gemacht, von der Partie zu sein, da sie dieselben mit einigen Personen bekannt zu machen wünschte, die ihnen fremd waren. Die Gesellschaft war ziemlich belebt, man hatte geplaudert, musicirt und die Geheimrätin forderte Jenny auf, nun auch etwas zu singen. Bereitwillig ging diese aus dem Salon in das Wohnzimmer, in der Hoffnung, unter den dort befindlichen Noten mehrstimmige Sachen zu finden, weil sie glaubte, dass dergleichen unterhaltender sein würde. Die Etagère, auf der die Noten lagen, stand hinter einer Tür, deren geöffnete Flügel Jenny verbargen, so dass sie von einigen Personen, die in der Tür standen, nicht gesehen werden konnte, obgleich kein Wort, das jene sprachen, für Jenny verloren ging.
Was wird man jetzt singen? fragte eine alte Dame, deren Brust ein Stiftskreuz zierte, einen jungen Attachè der österreichischen Gesandtschaft beim Bundestage.
Ich glaube, das fräulein Meier proponirte mehrstimmige Piecen! antwortete der junge Mann.
Sagen Sie mir, lieber Baron! die Meier's scheinen ja Juden zu sein, wie kommt Frau von Meining und namentlich Graf Walter zu den Leuten? Man sagt, er soll der unablässige Begleiter dieser Familie sein und man hält ihn für extravagant genug, die Vermutungen, von denen ich eben in dieser Rücksicht hörte, wahr zu machen, sagte die Stiftsdame.
Wie können Sie nur so etwas wiederholen, meine Gnädigste! Graf Walter gefällt sich allerdings darin, der Rotüre gegenüber den Liberalen zu spielen, indess von der Torheit, die Sie ihm zutrauen, eine Jüdin zu heiraten, ist er sicher fern. Die Meier ist hübsch und pikant. Die Galanterie eines Grafen wird ihrer Eitelkeit schmeicheln und Sie wissen, die Freiheit des sogenannten Badelebens entschuldigt Manches! schloss lachend der Baron.
Atemlos und wie gelähmt stand Jenny da, den Kopf gegen eine Säule der Etagère gelehnt, als Frau von Meining zu ihr trat, der ihr langes Ausbleiben aufgefallen war. Erschreckt fuhr sie empor, fasste sich aber gleich und sagte anscheinend ruhig: Ich finde die Noten nicht und möchte überhaupt nicht singen, wenn Du mich davon freisprechen wolltest. Aber davon wollte Frau von Meining nichts hören. Mit den freundlichsten Bitten nötigte sie Jenny, an dem Flügel Platz zu nehmen und wenigstens irgend ein Lied zu singen, um damit der Gesellschaft ihren Tribut zu zahlen. Einen Augenblick schien Jenny nachzudenken, sie mochte um die Wahl eines Liedes verlegen sein, dann war es, als ob ihr plötzlich ein Gedanke käme, sie griff mit sicherer Hand ein paar Accorde und begann Byron's "Mädchen von Juda" zu singen, das von Kücken so meisterhaft komponirt ist. Ihre starke, metallreiche stimme schien von dem Zorn in ihrer Brust einen neuen Zauber zu gewinnen, die tiefste Trauer klang aus ihren Tönen und als sie die zweite Strophe mit den Worten endete: "O Vaterland süss, o Vaterland mein! wann wird dir Jehovah ein Rachegott sein?" wagte Niemand zu atmen und Alle standen wie festgebannt und beherrscht durch die Gewalt des Zornes, der in diesen Tönen zu Gott rief und von ihm Rache erflehte. Dann ging der Gesang wieder zu wehmütiger Klage über, Jenny's stimme wurde weicher, bis sie nochmals mächtig erklang in den Worten: "in Knechtschaft des Feindes der Jude verlacht", und endlich matt in dem Wunsche erstarb: "O Vaterland süss, o Vaterland mein! könnt ich nur im tod vereinet dir sein."
Die Röte der Begeisterung, die während des Singens Jenny's Wangen gefärbt hatte, war gegen das Ende des Liedes gewichen. Ruhig, aber angegriffen