Fanny Lewald
Jenny
Von der Verfasserin von Clementine
Bei Gerhard, dem ersten Restaurant einer grossen deutschen Handelsstadt, hatte sich im Späterbst des Jahres achtzehnhundertzweiunddreissig nach dem Teater eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besonderen Zimmer zusammengefunden, die anfänglich während des Abendessens heiter die Begegnisse des Tages besprach, allmälig zu dem Teater und den Schauspielern zurückkehrte und nun in schäumendem Champagner das Wohl einer gefeierten Künstlerin, der Giovanolla, trank, welche an jenem Abende die Bühne betreten hatte.
Sie soll leben und blühen in ewiger Schönheit! sagte entzückt der Maler Erlau, und möge es mir vergönnt sein, die Feueraugen und den Götternacken dieses Mädchens immer vor meinen Augen zu haben, wie sie sich mir bei der gestrigen Sitzung zeigten. Ihr seht sie Alle in der falschen, täuschenden Beleuchtung der Bühne, und könnt nicht ahnen, wie schön ihre Farben, wie regelmässig und vollendet ihre Züge und wie üppig ihre Formen sind. Ich sage Euch, sie ist der Typus einer italienischen Schönheit.
Wenn sie nur nicht so verdammt jüdisch aussähe, sagte wegwerfend der junge Horn, der Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns. Ich sagte es gleich zu meinem Vetter Hughes, den ich Ihnen, lieber Erlau! als einen Mitentusiasten empfehlen kann, und der für nichts Augen hatte, als für diese person, die mir wirklich mit all ihrer gepriesenen italienischen, oder sagten Sie orientalischen Schönheit? im höchsten Grade missfallen hat. Wir lieben in unserer Familie diese Art von Schönheit nicht, es ist eine uns angeborne Antipatie, und mir wurde erst wieder in England bei den schlanken, blonden Insulanerinnen recht wohl, nachdem ich mich in Havre ein Jahr lang unter jenen kleinen, brunetten Französinnen in der Frankfurter Judengasse geglaubt hatte.
A propos, von Judengasse, lieber Ferdinand! fiel der Vetter, ein geborner Engländer, und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt, dem Sprechenden ins Wort, wer war wohl das ganz junge Mädchen in der zweiten Loge rechts von der Bühne? Sie ist offenbar eine Jüdin, aber es ist ein sehr interessantes Gesicht.
Ich kenne die Leute nicht, antwortete der Gefragte.
Schämen Sie sich, rief im komischen Zorn der Maler, und verleugnen Sie nicht, wie unser heiliger Apostel Petrus, seligen Andenkens, Ihren Meister und Herrn. Sie sollten den reichen Banquier Meier nicht kennen, bei dessen Vater Ihr Herr Vater die Handlung erlernte, und von dem er die Mittel zu seinem Etablissement erhielt, als er sich in Ihre Mutter verliebte? Freilich kam Ihr Herr Papa durch diese Heirat in die schönste Mitte der Kaufmannsaristokratie, und mag in der Gesellschaft wohl seine alttestamentarischen Verbindungen vergessen haben.
Horn war halb beleidigt, halb verlegen. Ach so! sagte er, die Meiers hatten die Loge? Es waren die Meiers? Die Tochter soll ein hübsches Mädchen werden, eine sehr reiche Erbin, sie steht noch zu Diensten, lieber Vetter! – Das ist aber auch Alles, was ich von ihnen weiss.
So erlauben Sie mir, nahm der Candidat Reinhard, ein schöner, junger Mann, der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehört hatte, die ihm nicht zu gefallen schien, das Wort, so erlauben Sie mir, Ihnen, falls es Sie interessirt, nähere Auskunft über die Familie zu geben. Das Meiersche Haus ist eines der gastlichsten in unserer Stadt, die Mutter eine freundliche, wohlwollende Frau, der Vater ein sehr gescheidter und braver Mann, der ein offenes Herz für die Menschen und die Menschheit hat, und sich lebhaft für Alles interessirt, was es Grosses und Schönes gibt. Die Leute haben nur zwei Kinder: einen Sohn, der mein genauer Freund ist, den Doctor Meier, und eben diese Tochter, Jenny Meier, die ich bis vor Kurzem unterrichtet habe.
Und ist Niemand da, der die Handlung fortsetzt, wenn der alte Meier, dessen Firma ja sehr bekannt ist, einmal stirbt? fragte der Vetter.
Ja wohl, ein Neffe, seines Bruders Sohn, der auch Meier heisst, und schon lange in der Handlung ist. Man sagt, er werde die Tochter heiraten und das Geschäft einst übernehmen, antwortete Reinhard zögernd.
Der glückliche, ich könnte ihn beneiden, denn das Mädchen ist wahrhaft reizend, rief der Engländer aus.
Das denkt Freund Reinhard auch, lachte Erlau, und gewisse Leute wollen behaupten, dass er die junge Dame, nachdem er ihre geistige Ausbildung meisterhaft geleitet, jetzt praktisch in der Conjugation mancher Zeitwörter unterrichte, als da ist: ich liebe, du liebst u.s.w. u.s.w. Werde nicht rot, lieber Reinhard, es ist eine Bemerkung, wie jede andere, und ich teile Deine Neigung und anhänglichkeit für das ganze Meiersche Haus. Es sind gute und gebildete Leute, und wenn auch die sogenannte Elite der Gesellschaft dort im haus nicht zu sehen ist, so findet man den grössten teil unserer Gelehrten und Künstler, eine Menge von Fremden, und vortreffliche Unterhaltung bei Meiers. Ich wüsste kein Haus, das ich lieber besuchte, als das ihre.
Sie schildern die Familie so anziehend, dass Sie mir fast den Wunsch einflössen, mich in dem haus einführen zu lassen, sagte Hughes.
Nicht doch, William! fiel Horn ein, meine Mutter würde das sehr ungern sehen, wie kommst Du nur darauf? Ich bitte Dich, diese Juden hängen wie die Kletten zusammen, und bist Du erst in einem ihrer Zirkel, so steckst Du auch gleich so fest in der ganzen