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worden war.

Mag immerhin Selbstsucht in dem Gefühle liegen, Andere auf die Art und Weise beglücken zu wollen, die uns die beglückendste scheint, ohne zu fragen, ob es eben auch die Weise ist, die man von uns begehrt, es ist eine Selbstsucht, von welcher nur wenige Menschen ganz frei sein möchten, und sie quälte Clementine um so mehr, weil sie sich nicht zufriedengestellt fühlte und weil sie nicht so glücklich zu machen glaubte, als sie es gewünscht hatte. Sie wollte ihrem mann einen wahren Himmel bereiten, und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches Erdenglück, und in besonders traurigen Stunden war ihr eben deshalb häufig der demütigende Gedanke gekommen, dass jede tüchtige, gutmütige Haushälterin sie ihrem mann ersetzen, ihm das Glück gewähren könne, das er in ihr finde. Sie tat ihm und sich damit zu nahe, und dennoch lag etwas Wahres auch darin. Sie hatte an sich die Erfahrung zu machen, die sich täglich im Leben wiederholt, dass Altersverschiedenheit für das Glück der Ehe gefährlicher wird, als man gewöhnlich glaubt; auch selbst in dem Falle, wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist. Das Mädchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite Jugend, während der ältere Mann, den man bis dahin noch immer einen Mann in den besten Jahren, einen Heiratscandidaten nannte, plötzlich vom geselligen Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten mann wird, sobald die ruhige Häuslichkeit ihn von der Mühe, jung und glänzend zu scheinen, befreit. Der ältere Mann, der sich verheiratet, will gewöhnlich ausruhen vom Leben; das ältere Mädchen, deren Gefühl nicht so durch das Leben verbraucht ist, wie das der Männer, will nun erst zu leben beginnen, und es kann dabei an Täuschungen und Enttäuschungen nicht fehlen.

So gewöhnte sich auch Clementine in einer Art stummer Entsagung allmählich neben ihrem mann wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als Mädchen geführt hatte. Sie erfüllte auf's Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschäftigung umher, ergriff, der Billigung Meining's gewiss, bald dies bald jenes und fühlte sich immer unglücklicher, je länger dieses Suchen währte. Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurück, in der sie einsam da gestanden und ungestört das Recht besessen hatte zu leiden, weil Niemand da war, der mit ihr und durch sie litt. Jetzt war das vorüber. Was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, oder gar wenn er sie weinend fände? Hiesse es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Güte lohnen, wenn er sie nicht zufrieden sähe? Sie zwang sich zufrieden und glücklich zu scheinen, weil die Vernunft es forderte, aber ihr Herz wusste nichts davon, und ihr Körper litt unter dem Zwang, den sie sich auferlegte. Eine krankhafte Abspannung bemächtigte sich ihrer, und wurde dem Auge ihres Gatten endlich sichtbar. Auf sein ängstliches Befragen erklärte sie aber, sie sei durchaus gesund, er sähe ja selbst, dass sie keine Schmerzen habe; es müsse ein zufälliges Unbehagen sein, das sich gewiss bald geben würde. Seinen Vorschlag, mit ihrer Schwester und mit deren Kindern das nahe Baden zu besuchen, schlug sie ab, weil sie sich weder Heilung noch eine Zerstreuung davon versprach, und vor Allem weil sie Meining, der sich schnell an sie gewöhnt hatte und sie nur ungern vermisste, nicht verlassen wollte. Er wenigstens sollte Nichts entbehren. Sie nahm sich vor, mehr als je über sich zu wachen, sie schien auch wieder heiterer zu werden und neue Kraft zu gewinnen, Meining beruhigte sich über ihren Zustand, und es blieb Alles so, wie es gewesen war.

Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter der warmen Sonne der Liebe, hatte sich plötzlich in die gemässigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden, in welcher ihr Herz nicht die Nahrung fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blüte, durch die eigene angeborne Kraft.

Fünftes Capitel

Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend in ihrem Zimmer sass, in einer jener Stimmungen, in denen alles Leid der Welt auf uns zu drücken scheint. Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht, ihn beschäftigt gefunden und ihn nicht sprechen können; dann hatte sie, weil ihr das Herz so voll war, ihrer Tante schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen?

Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese treue, mütterliche Freundin zu sein, hätte sie nicht vermocht, und ein Wort der Klage, des Missmutes laut werden zu lassen, wäre ihr wie ein Unrecht gegen Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So war es kein bestimmter Schmerz, der sie drückte, aber eine Traurigkeit, eine Müdigkeit, die schlimmer waren als Schmerz. Trübe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten mit wehmütigen Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit. Sie dachte der Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie wenig sie das Glück gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld, denn ihr Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es sei eine Schwärmerei, sagte sie sich, dass sie nicht glücklich zu sein vermochte mit einem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet hätten