versammeln, von deren traulichem Umgange sich beide Eheleute viel Genuss versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatten. Grade an solchen Abenden war dann Meining aber zufällig abgerufen worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Missstimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemächtigt, die der Wirtin freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte. Es wurde also auch dieser Versuch bald aufgegeben, denn Meining selbst schien keine Lust daran zu finden. Er erklärte offen, diese Art von Geselligkeit dünke ihn noch viel unbequemer, als die grossen Zirkel, in denen man ungestört plaudern und unbeachtet schweigen könne; ja er fühle entschieden, dass er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die Sphäre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, für mich beginnt in Dir ein neues Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als früher, denn ich arbeite nicht für mich allein; und ich finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genuss, als mir jemals die Gesellschaften geboten haben, in denen ich stundenlang im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Torheiten anhören musste. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur für uns allein.
Clementine willigte ein. Ihre geselligen Verbindungen lösten sich fast ganz auf, sie sah es ziemlich gleichgültig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe mehr und Anderes gesucht hatte, als ein glänzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewöhnliche geistige Regsamkeit, die Meining an dem Mädchen so interessant gefunden, war in der Zurückgezogenheit, in der sie lebten, doppelt gross geworden; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich in den neuen Verhältnissen erweitert; sie fühlte sich berechtigt und wert, auch das geistige Leben ihres Mannes zu teilen und zu verschönen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden plaudern zu können, weil sie hoffte, er würde, wie als Bräutigam, Lust daran finden, er würde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren klarheit, die ihm so eigentümlich war, erzählen, ihr seine Gedanken darüber mitteilen, ihre Ansichten hören und berichtigen – mit einem Worte, er würde sie wie einen Freund betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke entüllt werden muss, weil er ihn versteht, weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht hat. Dazu kam es aber nur sehr selten. Clementine schmerzte das. Sie konnte sich des Gedankens nicht entschlagen, dass Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt weit weniger als früher schätze, dass er diese an seiner Gattin leicht entbehren, vielleicht gar nicht einmal vermissen würde. Er bedurfte nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich, wenn er nicht zu müde war, über unbedeutende Dinge heiter unterhielt, die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude bereitet haben würde, hätte er vor übergrosser Beschäftigung nur die Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie freuen könnte. Vor Allem aber fühlte er sich sehr froh, ein so behagliches Haus und eine Frau zu besitzen, die jedem seiner Wünsche mit der grössten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries sich glücklich, grade diese Frau gewählt zu haben, er zweifelte nicht, dass sie sich zufrieden fühlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde, je länger sie mit einander lebten.
Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele seiner Frau aus. Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es schmerzte sie tief, dass trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener Stunde gehalten, ihr das Glück nicht zu teil geworden war, das sie sich damals erhofft. Es schmerzte sie, dass das Leben, ohne unsre Schuld, so weit zurückbleibt hinter Dem, was es sein könnte, dass es uns nicht vergönnt ist, Das zu werden, wozu die Fähigkeit in uns liegt. Sie konnte den Wunsch nicht aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung, die er für sie hegte. Es war zuerst ihr Aeusseres gewesen, das ihn angezogen; er hatte dann ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und einen sittlichen, zuverlässigen Charakter in ihr erkannt, und diese Eigenschaften schätzte er an ihr. Aber jener Schätze von Liebe und Hingebung, deren sie sich bewusst war, bedurfte der ruhige, ältere Mann nicht. Er war kein leidenschaftlicher Liebhaber, wie Robert, der heute die Geliebte kränkte und ihre Nachsicht erforderte, während seine Liebe morgen ihre Tränen trocknete und eine Versöhnung herbeiführte, die durch den gehabten Schmerz nicht zu teuer erkauft wird. Es verstimmte sie, dass Meining ihre Teilnahme an seinem geistigen Leben kaum zu begehren schien, und obgleich sie sich ihm aus überzeugung freudig unterordnete, hätte sie es doch gern gesehen, dass er, der sich sonst an ihrem geist stets erfreut, sie auch in der Beziehung neben sich mehr hätte gelten lassen. Sie vermisste es oft auch schmerzlich, dass er sie in ihrem Entusiasmus für das Schöne und Grosse zwar gewähren liess, dass er ihn aber nicht mit ihr zu teilen schien; und sie bedachte nicht, dass sie von dem bejahrten mann nicht die Leidenschaftlichkeit fordern könne, die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem entusiastischen Robert nur gesteigert