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Braut, als die Gesellschaft sich endlich trennte, da die Mitternacht lange vorüber war. Nachdem er Clementine vor ihrem haus aus dem Wagen gehoben hatte, und sie, einen Augenblick vor der Tür weilend, sich nach dem schloss wendete, fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd darüber hin, und es schien ihr unmöglich, sich jetzt, mit dem übervollen Herzen, in die engen Räume eines Zimmers zu sperren.

Lieber Freund! bat sie, wenn Sie nicht zu müde sind, geben Sie heute noch einem, vielleicht überspannten Einfalle nach; ich will dafür auch von morgen ab eine grundvernünftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen auf's Schloss, es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir wollen heute, an dem Tage, an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt, auch den Tag beginnen sehen.

Der Geheimrat war es gern zufrieden; die Nacht war schön und mild. Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse aufwärts führt. Eine Reihe wechselnder Gedanken zogen durch Clementinens Brust, sie sah Meining an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein früheres Leben, schien ihre Zukunft vorüberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen. Oben auf der Höhe angelangt, sah man nichts, als einen dichten, weissen Nebel, der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte kühl und Meining zog besorgt die wärmende Hülle um die schlanke Gestalt seiner Braut. Gedankenvoll liessen sie sich auf der Bank vor dem Weingärtchen nieder. Da plötzlich schmettert ein tausendstimmiger Lerchenchor gegen Himmel, der Nebel zerreisst vor dem ersten Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhänden fortgezogen, schwindet der dichte, weisse Schleier und das Neckartal liegt vor den trunkenen Augen der Entzückten. Drüben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten, weissen Häusern; vor ihnen der lachende, jugendmutige Strom mit Kähnen, die von Neckargemünd daherzogen, um sie her die Wipfel der Bäume, die am fuss des berges wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation, und zu ihren Füssen das kleine schlummernde Heidelberg. Clementine war sehr ergriffen von der Herrlichkeit des Augenblicks. Das reinste, heiligste Gefühl zog ihr Herz zu den Menschen, die Gott einer solchen Welt wert gehalten, und mit Tränen der Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust und sprach: Ach, lass uns schön sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt bin ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare, bindet mich diese Stunde an Dich. Ja, wir wollen glücklich, wir wollen dieser Welt wert sein! Sieh, Guter! ich habe jetzt nichts, nichts mehr auf der Welt als Dich. Sei Du meine Welt, stehe mir bei, wenn ich wanke, und verlasse mich nie!

Sie war während des Sonnenaufgangs plötzlich aufgestanden, in heftiger Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine hände in Tränen. Er zog sie, gerührt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit, empor, presste sie fest an seine Brust, und der innige Druck seiner Hand, der Ton seiner stimme hatten noch mehr Beruhigendes, als die Worte: Mein teures, teures Weib! ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals trennen. – Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er zum Aufbruch, denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie allmälig zu beruhigen, sagte er scherzend: komm, komm, mein Herz! dass uns die guten Heidelberger nicht zurückkehren sehen; was würden die von ihrem arzt denken, wenn sie wüssten, dass er seine Braut dem ungesunden Morgennebel preis gibt. – So, unter freundlichen Gesprächen, führte er die leidenschaftlich Bewegte den Berg hinab zu ihrem haus.

Viertes Capitel

Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren schon eine geraume Zeit vorüber, das Beisammensein war für die beiden Eheleute zu einer ruhigen Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschäftigt, seine Kranken, seine Collegia, ein grösseres Werk, das er zu schreiben begonnen, und das während des Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; während Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschäftigung war und es ihr selbst an jenen wohltätigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden sonst zu bieten pflegte. Ihre Haushaltsangelegenheiten liessen sich in einer Stunde abtun; Meining war den ganzen Morgen ausser dem haus in Anspruch genommen; kehrte er Mittags zurück, so hatte ihn die grosse, angreifende Praxis müde gemacht, er musste notwendig eine Stunde der Ruhe haben, um sich für die Geschäfte des Nachmittages zu stärken, und waren auch diese endlich beendet, dann ging es an ein so eifriges arbeiten und Studiren, dass sogar Clementinens Vorschläge zu kleinen Ausflügen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs so sehr verlockt, fast immer abgewiesen werden mussten. Führte das Abendessen sie endlich doch zusammen, so war Meining so zerstreut, innerlich so sehr beschäftigt und so abgespannt, dass er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwünschte, der ihn ganz und gar verlange, und ihm den ruhigen Genuss seiner Häuslichkeit unmöglich mache. Vor seiner Verheiratung hatte der Geheimrat oft mit Clementinen den Plan besprochen, sich von den grösseren Gesellschaften fern zu halten, in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht und deren er überdrüssig geworden war, und sie war das gern zufrieden gewesen. Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewählter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich