verheiraten. Nicht das Zureden meiner Schwester macht mich in meiner Gesinnung schwanken, sondern die ernsten Vorstellungen meiner Tante, die mich sehr ergriffen haben. Ich habe schwer mit mir gekämpft, und ich will die Ihre werden, wenn ich Ihnen nach diesen Geständnissen genüge. Ich erkenne vollkommen und freudig Ihren Wert an, darum aber zweifle ich, dass ein gebrochenes Herz Ihrer würdig sei.
Glauben Sie dennoch, dass ich zu Ihrem Glücke beitragen könne, so tue ich es von Herzen, und will streng über mich wachen, das Glück zu verdienen, das einer Frau an Ihrer Seite werden kann. Mit innigster achtung.
Clementine.
Der Geheimrat v. Meining an
Clementine.
Haben Sie Dank! wir werden glücklich sein. Teure, holde Geliebte! Ist es denn nicht die Pflicht des Arztes, zu heilen und zu lindern? Wie gern will ich Dich schonen, meine Clementine! wie sorgsam werde ich die wunde Seele meines kranken Weibes hüten und heilen! Wirf die Vergangenheit von Dir, insofern sie wert ist; nur Eines versprich mir und nimm es als Beweis meines vollen Vertrauens – nenne mir nie den Namen des Mannes, der Dich leiden machte, niemals, Geliebte! Ich kenne Dich und traue Dir unbedingt. In drei Tagen kehre ich zurück; möge die Hoffnung auf dies Wiedersehen, meine holde, meine teure Braut! Dich so beglücken, als mich. Auf Wiedersehen denn, Geliebte! Der Deine.
Meining.
Drittes Capitel
Die Tage bis zur Rückkehr des Geheimrats vergingen Clementinen in der heftigsten Aufregung. Der Brief ihrer Tante, die Bitten und Vorstellungen Reich's und ihrer Schwester, hatten sie zu einem Entschlusse gebracht, dessen sie sich nie fähig gehalten hätte. Meining war ihr mit so edlem Vertrauen entgegengekommen; es hob sie in ihren eigenen Augen, dass sie, deren Herz seine Jugend eingebüsst hatte, noch einen so bedeutenden Mann, als Meining, fesseln und beglücken könne; sie wollte ein neues Leben beginnen, weil sie es nun einmal gelobt, ihre Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen Entwürfen zitterte sie vor dem Gedanken an Meining's Ankunft.
Während der letzten Nacht, die sie schlaflos verbrachte, fiel ihr plötzlich ein, sie müsse eigentlich noch einmal an Robert schreiben, ihm ihre Verlobung anzeigen und ihm befehlen, sie ganz wie eine Fremde zu betrachten, wenn sie jemals sich begegnen sollten. Aber Robert schreiben? durfte das Meining's Braut! – ihm befehlen, sie zu meiden, hiesse ja, ihm bekennen, dass er ihr teuer und gefährlich sei, und befehlen? – ihm befehlen, dessen Auge ihr Leitstern, dessen leisester Wunsch ihr unumstösslichstes Gesetz gewesen war? – Alle ihre alten Qualen, alle ihre Gewissensbisse bestürmten sie aufs Neue, sie wollte für Meining leben und dachte nur an Robert. In wirren Fieberträumen verging der letzte teil der Nacht, der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster, als sie die schweren, müden Augenlider aufschlug. Sie war vollkommen ermattet, liess sich teilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde den Anstalten zu, die Marie mit unruhiger Freude für die Ankunft des Geheimrats traf.
Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine grosse Gewalt über sich besass, ging ihm bis zur tür entgegen und bot ihm ihre Hand zum Willkomm; er schloss sie herzlich in seine arme, küsste ihre Stirne und der Bund war geschlossen. Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhältnisse leichter zu fügen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung peinigt, für möglich halten sollte. So war denn auch die neue Braut plötzlich zu einer Ruhe und klarheit gekommen, die Meining entzückte, und ihrer Familie die überzeugung gab, dass sie Recht getan hätte, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im Beginne des Frühjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden. Clementine traf selbst die nötigen Anstalten für den neuen Haushalt, hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben, Glückwünsche zu beantworten und blieb dadurch in einer fortwährenden Tätigkeit, die ihr wenig Zeit zum Nachdenken übrig liess. Ihr Bräutigam brachte jeden Abend und jede Stunde, die sein Beruf ihm frei liess, in ihrer Gesellschaft zu und hatte, aufgeregt durch die neuen Verhältnisse, eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die er längst verloren, und deren er sich nicht mehr fähig geglaubt hatte. So war sie ihm von Herzen gut geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren Geist und seinen liebenswürdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich grade jetzt in seinem günstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine die Hoffnung auf eine beglückende Zukunft gab.
Indessen rückte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht werden sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm; man konnte sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht füglich entziehen, und Meining äusserte lachend, am Ende sei auch eine ganze glückliche Zukunft mit ein paar lästigen Stunden nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin und Clementine fühlte sich auf das Unangenehmste berührt von dem widrigen Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernstafter Gedanken, weil sie selbst so ernst, so feierlich gestimmt war, dass jeder Scherz sie verletzen musste. Meining hingegen nannte das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die man aber leicht aushalten könne, und musste über manchen Einfall von Herzen lachen, obgleich er eben so froh war als seine