lebe und dass mir der Traum der Vergangenheit mehr ist, als irgend eine Zukunft mir bieten könnte. Lass mir die Ruhe meines Bewusstseins.
Clementine.
Der Geheimrat v. Meining an
Clementine Frei.
Mein teures fräulein! Seit längerer Zeit erwarte ich Ihre Antwort auf eine Frage, die über meine Zukunft entscheiden soll. Sie wissen, wie wert Sie mir sind, lassen Sie mich offen sagen, wie warm und innig ich Sie liebe, wenn gleich es einem mann reiferen Alters nicht anstehen mag, eine leidenschaft zu bekennen, die der Jugend angehört. Ich habe in meinem Berufe Frauen in allen Verhältnissen kennen lernen, und ich achte das Weib; ich achte und liebe in Ihnen das Weib, das klar über sich selbst und das Leben, zu dem Gefühl seiner Würde gekommen ist. Ich bin nicht jung genug, Teuerste! Ihnen schwärmerische Schwüre zu leisten, aber ich biete Ihnen meine Hand mit offenem Herzen. Was ein besorgter Gatte, ein zärtlicher Freund Ihnen sein könnte, das schwöre ich, das sollen Sie in mir finden, und dadurch allein will ich Sie gewinnen; nur aus freier Neigung sollen Sie die Meine werden.
Ich verlasse Heidelberg auf kurze Zeit: Sie sollen Ruhe haben, einen Entschluss zu fassen. Möge er zu meinen Gunsten sein! Der Ihrige.
Frau v. Alven an Clementine.
Ich ehre Dein Gefühl, mein Kind! wenn gleich ich es nicht unbedingt richtig heissen kann, und es liegt mehr Selbstsucht darin, als Du zu glauben scheinst. Du gefällst Dir darin, Dich als die Leidende, die Reine zu betrachten, und Du bist Beides. Ich weiss, was Du geduldet hast, kenne ganz Dein reines Herz; Du bist unglücklich geworden durch Deine Liebe und durch Robert's Wankelmut, bist gegen Deinen Willen sein Opfer geworden: das entbindet Dich nicht von der Pflicht, Dich mit Bewusstsein, aus freier Wahl für das Wohl Anderer zu opfern. Das Weib ist geschaffen, sich liebend hinzugeben und zu beglücken; tust Du das? Du glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden, wenn Du Marien Dein Leben widmest, ihr den Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht bedarf. Du nimmst Dich der Kinder an, wenn Du Neigung dazu hast, glaubst sie zu erziehen, und der Menschheit, die an jeden von uns Rechte hat, damit Deine Schuld zu zahlen.
Belüge Dich nicht selbst, mein Kind! Du, vor Vielen dazu berufen, einem mann das Leben zu verschönen, mit dem unerschöpflichen Reichtum an Liebe und Nachsicht, Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer scheint, ernst gegen eine Neigung anzueinmal wünscht und Deiner nicht mehr denkt. Und wenn Mariens Kinder, die Du so sehr liebst, heranwachsen, wenn Marie und die Kinder Deiner nicht mehr bedürfen werden, was wird dann die unvermeidliche Leere Deines Herzens ausfüllen? –
Ich habe das Glück, Mutter zu sein, nur wenige Tage gekannt, und doch wirft das Andenken daran ein verschönendes Licht über mein ganzes Leben; magst Du noch so scharf und richtig denken, noch so lebhaft fühlen, das Glück kannst Du nicht begreifen, nicht ermessen, bis Du es gekannt hast. Ich selbst habe Alven ohne alle Neigung geheiratet, komme ich Dir deshalb wie eine Verworfene vor? Das aber schwöre ich Dir, so lieb mir Dein Glück ist, ich habe den Vater meines Kindes von Grund der Seele geliebt; wir haben uns in guten und bösen Stunden treu zur Seite gestanden, und ich habe nach seinem tod mich nie entschliessen können, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich ich sehr jung war und es mir, wie Du weisst, an Bewerbern nicht fehlte.
Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne es, ich werde irre an Dir. Du hältst so viel darauf, die achtung vor Dir selbst nicht zu verlieren, weil Dir das leichter wird, als die unsere zu verdienen. Du achtest Dich, wenn Du Deiner Liebe treu bleibst, das ist bequem und leicht – wir aber würden Dich achten, wenn Du dem Glücke eines Anderen, eines braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern im stand wärest. zwingen kann man Dich nicht, Du bist reich und unabhängig in jeder Beziehung; aber ich wende mich an Dein richtiges Urteil, an Deine Wahrheitsliebe und an Dein Herz. Täusche Dich nicht selbst; täusche nicht die Erwartungen Deiner mütterlichen Freundin.
Clementine an den Geheimrat v.
Meining.
Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen entgegenkommt, der mir seine Zukunft weihen will, muss wissen, an wen er sich gewandt hat; und wahr, wie gegen mich selbst, will ich gegen Sie sein.
Eine tiefe, leidenschaftliche Liebe hat seit meiner frühesten Jugend mein Herz erfüllt; diese Liebe ist nur flüchtig erwidert worden, sie hat mein Herz gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach innen gewiesen, sind mir Jahre des Leidens vergangen; ich habe mich gewöhnt allein zu stehen, ich habe es versucht, die Erinnerung an meine Liebe zu bekämpfen – es ist mir nicht gelungen; und so konnte es mir nie einfallen, den Bewerbungen, mit denen man mich ehrte, Folge zu leisten, besonders da die Mehrzahl jener Bewerber mir vollkommen gleichgültig, und ich ihnen fast ganz fremd war.
Sie kennen mich lange und gut, und ich gestehe an Ihrer achtung gelegen ist; aber niemals die Ihre zu werden, war noch vor wenig Tagen mein fester Entschluss. Ich wollte mich nicht