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wenn ich im Gewühl der Welt den Glauben an die Menschen je verlieren könnte. Du bist! – und wer darf zweifeln an der Göttlichkeit des Menschen.

Ich scheide von Dir! Du fühlst wie ich, was dieses Wort bedeutet; was es heisst: zu entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde unsers Abschiedes entweihen. Wie jene selige Insel, die nur einmal in Jahrtausenden aus dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwählten Paradieses-Wonne bereitet, dem sie zu schauen vergönnt ward, so taucht das Andenken an die Stunden, die ich gestern mit Dir verlebt, ewig beseligend aus dem Meere meines Lebens empor. Du hast mich reich gemacht, Geliebte! reich für immer, denn wer vermag zu lieben wie Du! – Weh mir, dass ich selbst unsre Welt zerstört!

Lebe denn wohl, Geliebte! lass mich Dir danken für die Gunst Deiner Liebe, für das kurze und doch so unvergessliche Glück. Unvergesslich und doch so flüchtig, gleicht es jener stolzen Blume, die nur eine Stunde blüht, weil diese eine Stunde vollendeter Schönheit herrlicher ist, als das ganze, matte Leben aller andern Blumen. Lebe wohl, schöne, hohe Königin der Nacht, Geliebte meiner Jugend, sehnsucht aller meiner Tage. Lass uns fortgehen auf der Bahn, die Du für uns gewählt hast und die ich gleich Dir betrete. Wir haben die reinste Freude des Lebens gekanntlass uns in Anderem das Glück suchen, das wir freiwillig opfern. O! nur noch einmal lass es mich sagen, nur noch dies eine Mal höre es an, dass ich Dich liebe, wie nur je ein Weib geliebt ward, Dich, meine Clementine! Und damit nun für immer Lebe wohl! Stumm drückte Clementine den Brief gegen ihr Herz, aber keine Träne kam in ihre Augen. Sie hatte sich selber wiedergefunden, ein Werk der Befreiung geübt an sich und an den beiden Männern, zwischen denen ihr Schicksal sie gestellt.

Sie war wie zu neuem Leben geboren. Sie konnte an Talberg denken ohne die stürmische Unruhe der leidenschaft, ohne die peinigenden Vorwürfe des Gewissens, ohne die sehnsucht, die ihn herbeiwünschte und sich deshalb verdammte; und selbst auf Meining's Rückkehr sah sie mit Zuversicht, weil sie sich seiner wieder würdig fühlte. Es war ihr feierlich zu Sinne, als sie Robert's Briefe und den, welchen sie für ihren Mann geschrieben, zusammen in die Lade ihres Schreibtisches verbarg. Dort sollten sie unberührt liegen, wie jene Dokumente, die man unter dem Grundstein eines neuen Baues birgt, denn auch sie fing an zu bauen für die Zukunft, mit dem frömmsten Sinne, und mit der Hoffnung auf die Dauer dessen, was sie schaffen wollte.

Am andern Tage, als sie, nicht ohne Wehmut, den Gartensaal betrat, fand sie noch Meining's Brief dort liegen, den sie in der Aufregung jenes Abends nicht zu Ende gelesen und dort vergessen hatte. Mit welch andern Empfindungen las sie ihn jetzt! Ja, selbst die Nachricht, dass er früher wiederkehren würde, dass sie ihn in vierzehn Tagen erwarten könne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles für seine Heimkehr herzurichten, wie die Erlebnisse der letzten Tage auch noch in ihr nachhallten.

Der wiedergewonnene Seelenfriede verfehlte nicht, seinen wohltätigen Einfluss auf Clementine zu äussern. Er brachte ihren Nächten Schlaf und ihren Nerven Ruhe, so dass ihr Gatte, als sie ihm bei seiner Heimkehr freundlich, wenn auch mit klopfendem Herzen, entgegenkam und ihm dann weinend um den Hals fiel, sie weit wohler fand, als an dem Tage, an dem er sie verlassen hatte. Er war froh sie wieder zu sehen, und nur das verdross ihn, dass sie von Zeit zu Zeit seine Hand, die in der ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre Lippen drückte, statt seine Umarmung zu erwidern.

Als dann im Sommer Frau von Alven anlangte und das gute Einverständniss der Eheleute sah, konnte sie sich nicht entalten, ihrer Nichte im engsten Vertrauen zu bemerken, es käme immer und überall nur darauf an, dass Mann und Frau sich wirklich verständigen wollten, denn eine glückliche Ehe zu führen, das habe jede Frau in ihrer Hand. Du wärst mit keinem mann so glücklich geworden, als mit Meining, sagte sie, selbst mit Talberg nicht, der Dir bei Deiner Verheiratung doch noch sehr am Herzen lag.

Clementine entgegnete Nichts darauf. Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen für sich. Ein paar Jahre später erlangte der Einfluss des Geheimrats die Berufung seines Schwagers nach Berlin, und als Marie die Schwester wiedersah und das gegenseitige fragen und Erzählen erst im zug war, rief Marie mit einem Male: Die neueste Neuigkeit bringe ich aus Wiesbaden mit. Ich habe dort Talberg wieder gesehen. Was für ein schöner Mann ist der geworden! Auch seine Braut ist frisch und lässt Dich vielmals grüssen. Sie sagt mir, Du hättest sie mit Talberg bekannt gemacht. Sie werden gleich nach der Hochzeit für Jahr und Tag auf Reisen gehen, weil Talberg es so will. Aber Clementine, sagte sie, sich unterbrechend: wie Du ernstaft wirst! Wir Frauen sind doch närrische Geschöpfe! Ich glaube, lieber Meining! meine Schwester wundert sich noch heute, dass Talberg, der in frühster Jugend eine Neigung für sie hatte, die sie teilte, sich nach zehn, zwölf Jahren endlich entschliessen kann, eine Andere zur Frau zu nehmen. Sage einmal selber, Schwester