Ob er mir verzeihen wird? ich weiss es nicht – nur das fühle ich, dass ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem Willen, um Dich aus meinem Herzen zu reissen, dass ich vor Gott mich schuldlos fühlen darf und selbst die Stunden nicht bereue, die ich gestern mit Dir verlebt, und die mich über eine freudlose Vergangenheit trösten, für eine schwere Zukunft entschädigen sollen.
Ich lege mein los in Meining's hände; er mag mir vergeben, mich von sich weisen – Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es mir beschieden wäre, meinen Gatten zu überleben. Sieh darin keine Schwärmerei, keine Ueberspannung: ich halte die Ehe, Du weisst es, für ein unauflösliches, ewig bindendes Band. Das Weib ist kein todter Besitz, der heute aus den Händen des Einen in die des Andern übergeht; ganz, ungeteilt, frei und frisch an Geist und Leib muss sie dem mann gehören. Dass ich mit geteiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist das Unrecht, welches mein Leben zerstört und alle meine Leiden und auch jetzt die Deinen hervorgerufen hat. Ich tat es, weil man mich überredete, es sei Pflicht; weil ich glaubte, ich könne Dein vergessen und frei werden.
Noch einmal einen gleichen Schritt zu tun, die gleiche Sünde gegen Dich zu begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht, Dich zu vergessen, so wenig würde das Andenken an Meining je für mich aufhören. Könntest Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen im stand wäre? Willst Du ein Weib, das selbst in Deinen Armen an den Verrat denken würde, den es begangen hat? dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse vergällt wäre?
Täusche Dich nicht, Geliebter! so würde es sein. Ich, gequält von inneren Vorwürfen, Meining einsam und verhöhnt, sein Name, für dessen Ruhm er Jahre lang gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten, entehrt durch seine Frau – und Du? Ich fühle, was ich Dir einst hätte sein können, kann und wird Dir keine Andre werden – was ich Dir jetzt noch werden könnte? Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken, dass ich selbst mich um das Glück gebracht, Dich so zu beglücken, als ich es gehofft. Jetzt wäre ich zweifach elend, denn ich würde Dich unglücklich sehen durch mich, und auch Deine Ehre wäre verloren. Oder ertrügest Du es ruhig, zu hören: das ist Talberg, wegen dessen sich Meining von der Frau geschieden, die Talberg jetzt geheiratet hat. Und die lächelnden Blicke, welche solche Worte begleiten – o! es wäre ein Fluch, der über uns schwebte, gegen den wir keinen Schutz, auch nicht in unsern Herzen fänden.
Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben wir für einander, und nur wie man der teuren toten gedenkt, lass uns an einander denken. Die Tränen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich das Opfer fühle, das ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebe. Ich möchte mein ganzes Herz Dir zeigen, wie es Dein ist und Dein war; Du weisst es und fühlst es, wie schwer es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so unaussprechlich geliebt.
Lebe denn wohl Geliebter, mein Leben, mein Glück! – Ich nehme Dich bei dem Worte, dass kein Opfer Dir zu schwer sei für mich. – Versuche es nicht, mich zu überreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf, dass Du noch heute die Stadt verlässest, dass Du es nicht versuchst mich wiederzusehen, weil Du mich liebst.
Und nun Gottes schönster Segen über Dich! Möge eine reiche Zukunft Dich für den Schmerz dieses Scheidens entschädigen. Denke mein oft, wie einer Schwester, der Dein Glück tiefstes Bedürfniss ist; mögest Du das Glück finden, das Du von mir erwartet hast! Lebe wohl, und denke ohne sorge an mich. Jetzt werde ich Ruhe haben. Ich habe das schönste Glück empfunden, ich konnte es besitzen und opfre es meiner überzeugung, das wird mir Frieden geben. Gott sei mit Dir auf allen Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe wohl. Mit bebenden Händen wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener übergeben. Es war geschehen. Tief atmend ging Clementine auf und nieder, und ein Friede, wie sie ihn lange nicht gekannt hatte, machte sie das, was sie für Pflicht erachtet, leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, sie wollte sich vor ihrem mann demütigen, wie es ihr gebührte, er sollte sie nicht für fehlerloser halten, als sie war, und wie sie sich selber kannte, sollte er sie kennen, und entscheiden über sie.
Ich habe gestern Deinen Brief erhalten, schrieb sie ihm, und er hat mich gerührt und beschämt, denn ich habe mich vor Dir anzuklagen. Ich habe es nie vermocht, meine Fehler zu beschönigen, und so will ich auch vor Dir, vor meinem mann, nicht besser scheinen, als ich es bin.
Du weisst, als Du mir Deine Hand angetragen, zögerte ich sie anzunehmen, nicht aus Misstrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir es nicht verborgen, dass ich einen Andern geliebt, dass sein Andenken mir noch