ruhig, aber müde; müde, wie ein Sieger nach der Schlacht.
Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsrätin mit ihrer Tochter war unter den ersten Gästen, die sich einstellten. Clementine ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein herbes Weh fuhr durch ihre Brust, als sie das frische, junge Mädchen erblickte, das in dem rosenfarbenen Kleide mit dem Strausse von Rosen in den blonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie segnend küsste sie das blühende Kind auf die Stirne. Bleiben Sie bei mir, sagte sie, und helfen Sie mir die Wirtin machen. Ihnen übergebe ich die junge, tanzlustige Welt, Sie müssen dafür sorgen, dass sie sich gut unterhält. Die fröhliche Johanna verlangte es nicht besser. Sie fiel der Geheimrätin um den Hals, nannte sie die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Talberg endlich eintrat.
Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht mehr gesehen. Er ging schnell auf sie zu, um sie womöglich gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen; denn er wusste, dass er ihr unrecht, dass er ihr wehe getan, und mehr noch, als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber begrüsst, als sie, um es zu keiner besonderen Unterredung kommen zu lassen, ihm ihren kleinen Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimrätin als Wirtin in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurück. Vergebens versuchte er, sie einen Moment allein zu treffen, immer fand er andere Männer und Frauen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich von dannen zogen. Das peinigte ihn mehr und mehr. Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schönheit überein, und einer der anwesenden Künstler fragte ihn, ob er das prächtige Tableau bemerkt habe, das die ernste Schönheit der Geheimrätin und die liebliche Johanna gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal neben einander gestanden hätten. Er hatte es wohl bemerkt; aber es hatte ihm eine traurige Bedeutung gehabt. – Es dünkte ihm, als wolle dieser Ball kein Ende nehmen. Immer auf das Neue jubelten die Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten allerwegen, Johanna, die Schönheit des Festes, strahlte vor kindlicher Lust; nur zwei Herzen in den weiten Sälen teilten die Festes-Freude nicht.
Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brüstung eines Fensters und liess teilnahmlos die Huldigungen und Erzählungen eines älteren Hausfreundes an ihrem Ohr vorübergleiten, während ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Sprechende sie endlich verliess, trat Robert eilig zu ihr. Sie sind krank gewesen, sagte er. Sie haben gelitten, ich sehe es, warum haben Sie mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie zu sehen, Ihnen zu sagen, wie mich das Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen habe? Wenn Sie wüssten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu versöhnen, Sie würden mir längst vergeben haben.
Denken Sie nicht mehr daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben. Dann, nach kurzer Pause, meinte sie: Sehen Sie das schöne fröhliche Leben um uns her. Sehen Sie wie heiter mein hübscher Schützling ist.
Robert antwortete ihr nicht darauf, und erst nach einer Weile sagte er sehr ernstaft: ja! fräulein Johanna ist ein schönes, und gewiss ein harmlos glückliches geschöpf; soll sie aufhören das zu sein? soll sie unglücklich werden wie .... so Mancher?
Clementine wagte nicht ihn anzusehen, und er fuhr fort: Ich habe Sie verstanden, gnädige Frau! aber soll solch ein fröhlich schuldloses Kind zum Opfer gebracht werden um meinetwillen? Ein Opfer muss gebracht werden, das fühle ich; so will ich es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon gehe ich nach Hochberg; ich habe es bereits meinen hiesigen Bekannten gesagt, auch der Geheimrat weiss es. Morgen schon werde ich gehen und nur, um Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich heute noch einmal gekommen. Erlauben Sie denn, dass ich schon jetzt von Ihnen scheide; und haben Sie Dank, innigen Dank für das Glück, das ich in Ihrer Nähe noch einmal gefunden habe. Leben Sie wohl, wiederholte er, und noch einmal ruhten Auge in Auge. Dann sah sie Talberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im Nebenzimmer verschwinden; und wie hell die Töne der Musik auch klangen, wie hell die Kerzen in dem Saal auch glänzten, es war kalt und Nacht geworden für ihr Herz.
Kaum aber hatte Talberg sich entfernt, als die Staatsrätin herbeikam. Neugierig fragte sie nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine, die den Zweck dieser fragen wohl kannte, dass Talberg ihre Johanna sehr hübsch, sehr anziehend gefunden, dass er aber zunächst Geschäfte halber auf seine Güter gehe. Das genügte der erfreuten Mutter für das Erste. Andre Gäste folgten preisend, scherzend, Abschied nehmend, Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten. Es war ihr, als ob in wüstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstürmten. Sie atmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als Meining sie ebenfalls verliess, als sie sich für einen