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, manche Bequemlichkeit für den Professor hervorgerufen; es machte ihr Vergnügen, die Ihrigen zu erfreuenaber sie selbst fühlte sich einsamer als vorher. Getrennt von ihren gewohnten Umgebungen, von der Tante, der ihr ganzes Herz offen lag, in der gleichförmigen Lebensart im Reichschen haus, fühlte sie eine solche geistige Leere, dass nur die schöne natur Heidelbergs sie aus ihrer Apatie zu reissen vermochte. Um sich zu zerstreuen, suchte sie eifrig längst vernachlässigte Studien wieder hervor, sie schmückte ihr kleines Stübchen, das nach dem Neckar sah, auf das freundlichste; aber vergebens. Stundenlang sass sie mit dem buch in der Hand, sah den schönen Strom vorüberfliessen, blickte ernstaft die kleinen Häuser von Weinheim an und sah doch Nichts, als Robert's Bild, wie er zuletzt vor ihr gestanden, dachte Nichts, als die tiefe Demütigung, verschmäht zu sein.

In einem kleinen Orte wie Heidelberg konnte eine Erscheinung wie Clementine, nicht unbemerkt bleiben; ihre ganze Persönlichkeit flösste lebhaftes Interesse ein, während ihr nach Aussen abgeschlossenes Wesen für Kälte und Stolz galt. Man hatte sie bei ihrer Ankunft in alle Zirkel eingeführt, und überall hatte sie einen neuen Reiz in die Gesellschaft gebracht; besonders waren es die jüngeren Mädchen und die älteren Männer, die sich ihr anschlossen. Die Mädchen, weil sie von ihr keine Beeinträchtigung zu fürchten hatten, da sie jede Annäherung und Bewerbung eben so fein als bestimmt zurückwies; die älteren Männer, weil in ihrer Unterhaltung so viel Belebendes und Anregendes lag, dass sie sich die glücklichen Bemerkungen, die Clementine sie machen liess, unbedingt als ihr eigenstes Eigentum zuschrieben.

Unter diesen Männern war unstreitig der Geheimrat von Meining der bedeutendste. Er galt für einen der ersten ärzte Deutschlands, war ein stattlicher Mann von fünfzig Jahren und so wohl erhalten, dass er den Ansprüchen, auch durch sein Aeusseres zu gefallen, nicht ganz entsagt hatte. Man sah, dass er in der Jugend ein schöner Mann gewesen sein musste, und mit einer bei älteren Männern nicht seltenen Eitelkeit liess er bisweilen erraten, dass ihm das Glück bei den Frauen hold gewesen sei. Auch stand er noch jetzt in grosser Gunst bei den Damen und wurde gern gesehen in jeder Gesellschaft. Manche Mutter hätte ihn, der ihr selbst früher den Hof gemacht, recht gern zum Schwiegersohne angenommen, und allerdings war er, vermöge seiner Stellung, Das, was man gewöhnlich eine gute Partie zu nennen pflegt. In seiner Jugend hatte er die Frauen zu sehr geliebt, um sich an Eine dauernd binden zu mögen; dann hatte diese leidenschaft ernsten Studien Platz gemacht. Er hatte Reichtum, Ehre und einen grossen Ruf erworben, und der Gedanke, sich zu verheiraten, war allmälig ganz in den Hintergrund getreten, je mehr Reiz die materiellen Genüsse des Daseins für ihn gewannen und je mehr sich die eigentümliche Selbstsucht aller Hagestolzen in ihm ausgebildet hatte. Doch war sein Gefühl für das Schöne und Gute niemals erloschen; er war in einzelnen Momenten einer Lebhaftigkeit und Hingebung fähig, die einem jüngeren mann anzugehören schienen, und in dieser Stimmung konnte er die bedeutendsten Opfer bringen; dann fühlte er die Möglichkeit und den Wunsch, Andere an seinem Glücke teil nehmen zu lassen, und hätte vielleicht daran gedacht, eine Frau zu nehmen, wenn es ihm nicht unbequem gewesen wäre, danach zu suchen. Doch liess er sich die Neckereien über diesen Punkt recht gern gefallen und lächelte wohlgefällig, wenn man behauptete, an einem schönen Morgen werde er einst ganz plötzlich mit einer Braut angefahren kommen, die ein Phönix an Schönheit und Liebenswürdigkeit sein und ihm wie ein Ideal erscheinen werde; sowie sein Haus ihm das schönste, sein Rock der beste und überhaupt Alles, was sein eigen, ihm als das Vollkommenste vorkomme.

Als Freund des Professors Reich und als Arzt der Familie hatte er Clementine in deren Häuslichkeit kennen und schätzen gelernt. Er hatte durch Marien, noch vor Clementinens Ankunft, erfahren, dass diese dem Grame über eine unglückliche Liebe fast erlegen sei, und nun sah er sie selbst: noch schön, obgleich lange über die erste Jugend hinaus, und liebenswürdiger und geistreicher als irgend eine Frau, die er kannte. Er sah das Mädchen, das der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden, eben so liebenswürdig im haus; sie hatte Rat für den Bedrängten und die zärtlichste Sorgfalt für den Leidenden; unermüdlich besorgt für Andere, schien sie zufrieden, ohne gerade froh zu sein, und ihre Ruhe wurde durch jene kleinen Veranlassungen, welche die meisten Frauen ausser Fassung bringen, niemals erschüttert. Ihre äusseren Vorzüge zogen ihn an, und wenn er manchmal auf ihrem ausdrucksvollen Gesicht die Spuren eines tiefen Leidens, oder gar ihre Augen noch trübe von vergossenen Tränen sah, flösste sie ihm eine lebhafte Teilnahme ein. Er hatte einmal mit Reich über Clementine gesprochen, und diese hatte geäussert, seine Schwägerin sei allerdings ein vortreffliches Mädchen, nur leider zu überspannt, und er wünsche nichts sehnlicher, als dass sie bald einen vernünftigen Mann bekäme, den sie liebe; denn sonst würde sie zu grund gehen durch ihren selbstgenährten Gram.

Ob Reich diese Bemerkung absichtlich gemacht, ob eine Absicht in des Geheimrats Frage gelegen, lassen wir dahingestellt sein; nur das steht fest, dass von jenem Tage an in Meining der Gedanke an eine Verbindung mit Clementinen erwachte. Dieses Mädchen in seinem haus walten zu sehen, von ihrem geist seine Mussestunden verschönen zu lassen, ihrer milden Pflege in kranken Tagen zu geniessen und sie, der er von Herzen