Augenblicken in das Cabinet geführt, das einen ganz veränderten Anblick gewonnen hatte.
Die zerstreuten Spielsachen waren einigermassen geordnet, die beiden grösseren Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste sass bei Clementine auf dem Divan. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine grosse, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie es, dass ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muss nun zusehen, dass sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das sich ängstlich an sie schmiegte, auf dem arme, während sie stand; nötigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich war so entzückt über die Scene, dass ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wären, und erfuhr, es wären die Töchter einer Familie, die in dem haus wohne und ihr die Kinder bisweilen überlasse. Es sind meine Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu haus ist, dem sie zu viel Geräusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die ich ihnen oft verdanke. Jetzt im Winter, wo die natur uns keine Blume bietet, sind das meine lieben Pflänzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich freut. Sie glauben nicht, wie gut und wie gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschäftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit ihnen und mit mir.
Ich hätte stundenlang so sitzen mögen. Plötzlich merkten wir ein helleres Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich besorgt für die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen könnten, auszulöschen. Ich tat es und nahm nun auch die beiden grösseren Mädchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Clementine bejahte die Frage und nannte meinen Namen. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? – Weil ich nicht immer hier sein darf. – Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? – O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus. – Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wärterin sagt, der Onkel Geheimrat könne uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. – Tante, unterbrach Röschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining fort. Ja! Tante! tue das, dieser Onkel, der ist so schön und freundlich wie Du bist, schick' den alten Onkel fort! – Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so schnell durch einander, dass man gar nicht Einhalt tun konnte.
Clementine wurde rot, und Tränen, die sie mir verbergen wollte, traten ihr in die Augen, als sie sich rasch zu Emma bückte. Schäme Dich, sagte sie, dass Du so von dem guten Onkel Meining sprichst. Wenn Du ihn nicht lieb hast, dann kann ich Dir auch nicht gut sein, und Du darfst nicht wiederkommen, Du böses Kind! Ihre stimme bebte, ich fühlte, was sich in ihr regte, und ich hätte ihr dies Leiden mit meinem ganzen Sein vergelten mögen; denn, was soll ich es Dir verbergen – ich liebe Clementine.
Wie spielt das Leben mit uns, mein Freund! und wie wenig verstehen wir unser Glück. Diese Frau war einst von Herzen mein, und ich konnte sie verschmähen; sie liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstört, das fühle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiss ich, dass ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es möglich, dass ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefühl meines Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um mein Glück gebracht. Ihr und mein Unglück habe ich selbst bereitet.
Um ihr nicht zu sagen: ich bete Dich an! um ihr nicht zu Füssen zu fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine lehnte sie entschieden ab, da ihr Mann an dergleichen keinen teil nähme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich – ein unvergessliches Bild in der Seele.
Aber es ist mir lieb, sehr lieb, dass sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht, sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte. Grade weil ich sie liebe, will ich selbst über sie wachen; ja fast könnte ich wünschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht getrübt werde – und doch scheint mir das Leben sehr arm ohne das Bewusstsein ihrer Liebe.
Dass ich bleibe, bedarf nun keiner weiteren Bestätigung mehr.
Der Hauptmann an Robert.
Den 27. December.
Sage mir, was fängst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst Du nicht mehr, dass Du Brigitte eben so heiss geliebt, dass sie Dir auch das vollkommenste der Weiber dünkte? Rede mir nicht mehr davon, dass Du noch bleiben willst; wenn Dir Clementinen's Ruhe und Ehre wert sind, eile sie zu verlassen, ehe es für Euch Beide zu spät wird.