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18. December.

Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe wohl auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grüble über Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne dass damit in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen Gütern gar nicht beschäftigt; meine Anordnungen für die Ausführung meiner Zwekke sind getroffen und müssen nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen. Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe ihm heute die nötigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, dass ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen würde, und dass er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde herschicken solle. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen würde.

Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich häuslich eingerichtet, die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin. Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind, bringe ich häufig bei Geheimrat von Meining zu, wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr viel trägt dazu die Geheimrätin bei. Sie ist voller Geist und Gefühl; anregend, wie keine Andere; dabei die angenehmste Haltung und eine Höflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen kommt. Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz! Mich dünkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe, ich müsste ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehört; und obgleich ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke, den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfüllt. Wenn ich mir denke, dass diese schöne junge Frau dem alten mann gehört, den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann, tut sie mir immer leid; und ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich hätte ein Unrecht gegen sie gut zu machen, und sie wäre glücklicher gewesen, wenn sie mein geworden wäre. Fände ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele ich so klar lesen könnte und die mich so vollkommen verstände, als sie, ich glaube, dann entschlösse ich mich doch zur Ehe. Dass mein einsames Leben auf Hochberg im grund traurig ist, das fange ich erst hier wieder zu fühlen an.

Du siehst, Dein guter Rat von neulich trägt vielleicht noch seine Früchte; willst Du ihn aber wirksam unterstützen, so benutze die treffliche Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlänglich Platz für uns Beide.

Derselbe an Denselben.

Am zweiten Weihnachtstage.

Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrat hätte ausser dem haus gespeist, die gnädige Frau sei zu haus, aber er zweifle, dass sie mich annehmen würde. Dabei tat er so geheimnissvoll, lächelte so pfiffig, dass ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Esssaal folgte, der nur noch durch Clementinen's Wohnzimmer von ihrem Arbeitskabinet getrennt ist, das ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, dass ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe gefolgt war, liess er die tür offen, so dass ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein höchst zierliches, kleines Gemach, mit grüner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hörte das jubelnde lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du hältst ja gar nicht still!

Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grünen Couchette, die vor dem Kamin stand, und hielt ein schönes, zweijähriges Mädchen in den Armen. Zwei ältere Mädchen, etwa fünf- und siebenjährig, waren um sie beschäftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schöner, als ich sie je zuvor gesehen. Das schwarze Haar hing in aufgelösten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren, von denen ihr einige wie eine Binde über der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behängt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. hände, Hals und arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein gerötete Gesicht bezaubernd in dem Ausdruck von Glück, der aus ihren Augen strahlte.

Sie erhob sich, als ich gemeldet wurde, rasch von ihrem Divan, und gab dem Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleich bereit sein, mich zu sehen. Die Türen wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem Lauscherposten zurück und wurde nach einigen