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Mund sichtbar. Aber wüssten Sie, meine gnädige Frau, wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsere Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreisst; wie es uns Alles raubt, Glück, Poesie und GlaubenSie würden Heine vielleicht anders beurteilen.

Vielleicht! antwortete sie, aber ich müsste den Dichter beklagen, der so sehr an sich und der Menschheit irre werden konnte, dass er die leidenschaft nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit längst zum Raube geworden ist und dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens einflösst. Wenn ich von mir auf andere Frauen schliessen kann, muss Heine's Zerrissenheit ....

Also auch Sie, auch Sie sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt sehr gross, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? – etwa die Leute, die in enger, dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Sünde empfinden? Die Leute, die den heissesten Wunsch des Herzens, das einzige Glück ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, bürgerliches Gesetz anstösst? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurteilen? Glauben Sie mir, gnädige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Körper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet, doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der Erde ohne das ersehnte Glück, für den Himmel nichts als eine unbestimmte Hoffnungwer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreissen lässt, wer sich nicht blutig stösst an den Barrieren und Hekken bürgerlicher und göttlicher gesetzder ist kein Mensch, der müsste ein Gott sein.

Robert war, während er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte, und denen bei ihm nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermut folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich früher oft ihr Einfluss auf sein Gemüt geltend gemacht, deshalb begann sie auch jetzt nach einer Pause, in der Robert in tiefes Denken versunken war: Nun wohl denn mir, dass ich kein Mann bin, dass mich das Leben nicht so hart enttäuscht hat, und dass mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.

Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden? haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen? Ist er Ihnen nie unbequem geworden?

Niemals! – als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht getan; später hätte ich mich vor meinen gefährten geschämt, und dann ist mir das eigne Gefühl ein guter Compass geworden, dessen Nadel mir immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies.

Ja! nach Norden, sagte Talberg, nach dem Norden der kalten Vernunft, in dem das heisse Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante, sagte er plötzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?

Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen Dingen über, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall der Erregung bemerkbar blieb, die Robert's Seele bewegte. Endlich hörten die Herren zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder über die politischen Ereignisse des Tages. Robert sprach seine freisinnigen Meinungen unumwunden aus, und schien dabei verwundert, dass Clementine, die in früher Jugend wie eine gelehrige Schülerin all' seine Ansichten geteilt, sich jetzt mehr dem Bestehenden und Hergebrachten zugewendet hatte. Mich dünkt, sagte er, Sie hätten einst mit viel grösserer Teilnahme den bewegenden Ideen unsrer Zeit gehuldigt, und ich hätte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue Aera zu verkünden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?

Und wer sagt Ihnen, dass mich die grosse idee der Freiheit nicht noch eben so erwärmt, dass ich den Entusiasmus der Männer dafür nicht begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich aber, auch für uns Frauen sei die Freiheit, nach der die Männer streben, ebenfalls ein unerlässliches Gut, und nur von diesem Glauben bin ich zurückgekommen.

Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, in denen wir ein Ideal verehren, nicht mit uns fühlen und mit uns teil haben an den höchsten Schätzen, nach denen wir streben? Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mädchen von Saragossa angehörten, nicht eben so lebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland haben als wir?

Für ein Vaterland, wandte Talberg leichtin ein, haben die Frauen allerdings oftmals keinen Sinn, und sie können ihn im grund auch nicht haben. Ihre Heimat wird ihnen durch die Ehe zugewiesen, ihr Vaterland gibt ihnen ihr Mann. Würden Sie es Ihrer Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin wäre, nicht sehr verargen, wenn sie nicht mit Ihnen von Herz und Seele eine Deutsche würde? Und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur für eine allgemeine Freiheit, für eine Freiheit in abstracto Interesse haben können, fügte er lächelnd hinzu.

Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gnädige Frau? fragte sie der Obrist.

Ich sage Ihnen ja, antwortete die Geheimrätin, dass ich die liberalen Gesinnungen der Männer vollkommen begreife