war mit der Myrtenkrone und dem weissen Schleier zum Altare mit demselben Gefühle gegangen, mit dem sie ein Jahr vorher, am Tage ihrer Confirmation, die Kirche betreten hatte. Sie hatte das Bewusstsein eines wichtigen Schrittes, ohne sich die Folgen desselben klar zu machen; und nachdem der schwere Abschied von Vater, Schwester und Tante vorüber war, folgte sie ihrem mann, froh und sorglos wie ein Kind, nach Heidelberg, wo er angestellt war.
Clementine blieb nun allein zurück. Sie war stiller und ernster geworden, von Robert hatte sie nur selten gehört, die Zeit seiner Rückkehr wurde von den Seinen immer weiter hinausgeschoben und sie konnte es sich nicht verhehlen, dass Robert's Wunsch, sie wiederzusehen, lange nicht mehr so lebhaft sein müsse, als in jener Stunde, wo sie unter den heissesten Tränen mit dem ersten Kusse von einander Abschied genommen hatten.
In dieser Zeit erkrankte Clementinens Vater und nach wenig Wochen standen sie und die Tante an seinem Sarge. Ihr ganzes Leben war nur ein Schrei des Schmerzes, der Robert herbeirief, um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen, um alle Liebe, die der teure Vater besessen hatte, auf den geliebten Freund zu vererben – aber Robert, obgleich ihm der Todesfall angezeigt worden, kam nicht zurück; und seine Mutter äusserte gegen Frau von Alven, dass ihr Sohn wohl so bald nicht heimkehren würde, da Berufsverhältnisse und, wie sie glaube, auch eine Herzens-Neigung ihn an seinen jetzigen Aufentalt fesselten. Frau von Alven erschrak, hielt es aber für ihre Pflicht, endlich einmal mit Clementinen offen über deren Zukunft zu sprechen. Sie war durch den Tod ihres Vaters unumschränkte Herrin ihrer Handlungen geworden; die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt zurück, und so trat sie eines Tages ganz plötzlich mit der Frage vor die Nichte hin, welche Plane sie nun für die nächste Zeit gemacht habe? Sie verhehlte ihr dabei nicht, dass sie Berlin zu verlassen wünsche, verschwieg ihr nicht, was Roberts Mutter ihr gesagt hatte, und war nicht wenig überrascht, Clementine bei der Nachricht, die für sie ein Todesstoss sein musste, anscheinend ruhig zu finden.
"Ich weiss es längst, gute Tante!" sagte sie, "dass Robert mich nicht liebt, sehr lange schon; und dass er jetzt für mich kein Wort des Trostes, der Teilnahme hat, keinen Gruss durch die Seinen, das nimmt mir mit dem letzten Zweifel die letzte Hoffnung; aber es ändert in meinen Gefühlen für ihn Nichts. Wir waren Beide durch keinen Eid an einander gebunden, Robert liebt mich nicht mehr, hat mich vielleicht nie geliebt, und ich habe sein Wohlwollen für Liebe gehalten – so glaubt er sich frei und ist es auch; denn nicht der Eid, sondern die Liebe bindet. Ich aber liebe ihn mehr als je, er ist Alles, Alles, was ich liebe, und darum bin ich sein, auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten. Entgegne mir darauf Nichts," fuhr sie fort, als ihre Tante eine Einwendung machen wollte, "ich weiss, wie gut Du es mit mir meinst; darum lass mich mir selbst. Dich aber länger von den Freunden und der Heimat zu trennen, wohin es Dich zieht, dazu habe ich kein Recht. Marie verlangt nach mir, ich werde nach Heidelberg gehen, werde ihr nützlich sein und in dem Kreise ihres Hauses meine Zukunft finden. Versprich mir aber, dass Du mir nie fehlen wirst, wenn ich Dein bedarf."
Frau von Alven weinte still; Clementine kniete vor ihr nieder, küsste ihre hände und bat: "und nun noch Eins! Ich habe seit Jahren mehr gelitten, als ich zu leiden für möglich hielt; ich fürchte jede Berührung meiner tiefen Wunde mehr als den Tod; versprich mir, dass Robert's Name nicht mehr zwischen uns genannt wird und dass wir uns trennen ohne Abschied; wir bleiben ja doch im inneren stets beisammen."
Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen darauf rollte der Postwagen, welcher Frau von Alven in ihre Heimat führte, an Clementinens wohnung vorüber, in der sie mit ihrem Schwager am Fenster stand, der gekommen war, sie nach Heidelberg abzuholen.
Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten Zeit, dem wehmütigen Gefühl, von den Räumen zu scheiden, die so lange die stillen Zeugen ihres Lebens waren, tat die Ruhe im haus ihrer Schwester Clementinen anfänglich sehr wohl. Sie hatte die junge Frau fast unverändert gefunden. Marie liebte ihren Reich von Herzen, betete ihre beiden Kinder an, sorgte treulich für ihr Haus und war eine Frau, wie die Mehrzahl der Männer sie wünscht. Der Professor hielt regelmässig seine Vorlesungen, arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube und liess sich während der Mahlzeiten mit der grössten Teilnahme Alles erzählen, was in der Zwischenzeit von der Frau, den Kindern und den Dienstboten irgend zu erzählen war. Beide Eheleute waren durchaus zufrieden mit einander und wünschten nichts Besseres, als dass es immer so bliebe. Ohne bestimmten blick in die Zukunft, ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit, ging ein Tag nach dem andern hin, und alle Abwechselung in Marien's Leben machte der Besuch gleichgestimmter Frauen und ein Spaziergang in der nächsten Umgebung. – Es dauerte auch nicht lange, bis Clementine sich äusserlich in diese Lebensart gefunden hatte, und bald war sie Allen unentbehrlich geworden. Ihr beweglicher Geist hatte tausend neue Spiele für die Kinder, manche Erleichterung für Marie