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der Mecklenburger Grenze geerbt und dort seinen Wohnort gewählt habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene Tätigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schloss er, verlasse ich meine Einsamkeit, um etwa wie im vorigen Jahre das Marienbad, oder wie jetzt, um meine Vaterstadt einmal wieder zu besuchen. Doch denke ich höchstens ein paar Wochen hier zu verweilen.

Ein Diener meldete, dass angerichtet sei, und die Gesellschaft begab sich zur Tafel. Man setzte sich nieder, man plauderte. Clementine war es, als erlebte sie das Alles nur im Traume, aber in einem Traume, aus dem sie zu erwachen fürchtete. Sie sah Robert wieder! Das war die stolze, hohe Gestalt, das befehlende Auge, die siegesgewisse Stirne; das war der Mund, der so kalt und eisig spotten und so unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zur Bitte öffnete; das war das schöne, dunkle Haar mit der Fülle seiner reichen Locken, das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirn gedrückt hatte. Jeder laut seiner stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Erinnerung an. Neues Leben schien für sie zu beginnen, ihr Gesicht glühte, ihr Herz schlug frei, es war ihr, als würde sie nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit aus winterlicher Nacht plötzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne geführt, und sähe rings umher den Frühling blühen. Nicht der Vergangenheit, nicht der Zukunft gedachte sie, sie war glücklich im Moment.

Während Clementine diesem sie bewältigenden Zauber nachgab, war die Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden. Der Geheimrat sprach sich anerkennend über die ganze Richtung aus, die er in der preussischen Verwaltung gefunden, und die es ihm doppelt lieb mache, seine jetzige Stellung angenommen zu haben. Er wunderte sich, dass Robert, der von seiner Familie für den Staatsdienst bestimmt worden war, und die ersten Schritte dazu mit Neigung getan hatte, sich plötzlich aus der Carrière zurückgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu bewogen hätte.

Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhängigkeit. Man kann im grund den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit, oder als ein Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er mir keine Befriedigung.

Und ich hätte grade geglaubt, dass der Wunsch nach Wirksamkeit in der Verwaltung, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genüge finden müsse, sagte Meining.

Nicht im Geringsten! versetzte Robert. Der Dienst bei der Verwaltung ist ein reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr, die gehen muss, wenn sie aufgezogen wird. Glücklich genug, wenn der Uhrmacher sein Fach versteht und die Räder nicht zum Gehen zwingen will, nachdem er die Feder zerbrochen hat.

Mich dünkt aber, dass es in Preussen an einsichtsvollen Dirigenten nicht fehle; dafür bürgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens können Sie nicht leugnen, dass überall der beste Wille vorhanden ist! fuhr der Geheimrat fort.

Das leugne ich auch nicht! entgegnete Robert. Die Frage für den Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist aber die, ob seine Ansichten von Menschenglück, von Fortschritt mit denen übereinstimmen, die ihm zu verbreiten befohlen werden. Das war nun leider nicht mein Fall. Ich sah und erkannte manches Gute, das gefördert wurde; aber mir blieb überall das drückende Gefühl eines geflissentlich gehemmten Fortschritts, und diese Halbheit machte mir meinen Beruf zur Last. Ich mochte nicht für Halbheiten mein ganzes Wirken opfern.

Das Gespräch nahm mehr und mehr eine politische Wendung, die ganze kleine Gesellschaft nahm allmälig teil daran; selbst die Damen mischten hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel deshalb der Hausfrau auf, dass Clementine stiller als gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete diese, dass ihr mit dem Wiedersehen des früheren Lebensgenossen das Andenken an ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwacht sei und sie bewege. Frau von Stein fand das natürlich, aber auch der Geheimrat, der bisher sich fast ausschliesslich mit Talberg unterhalten, bemerkte, als man sich vom Tische erhob, gegen seine Frau, dass ihn ihr Schweigen überrasche. Hast Du das Sprechen heute verschworen? scherzte eroder wärest Du unwohl, Liebe? Deine Hand ist in der Tat sehr kalt! fügte er schnell besorgt hinzu.

Keines von Beidem! antwortete sie, Du weisst, ich habe manchmal meine stillen Tage, an denen das hören mir ein doppelter Genuss ist.

Nun, der soll Dir wieder werden, meine Liebe! Ich habe Herrn Talberg eben aufgefordert, morgen den Abend mit uns Beiden zuzubringen, und ich denke, er schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.

Im Gegenteil! ich nehme es mit Freuden an, wenn ich nicht fürchten muss zu stören! meinte Robert.

Sie werden uns sehr willkommen sein, brachte Clementine scheu hervor, und nach einer kurzen und ganz oberflächlichen Unterhaltung trennte man sich für den Abend.

Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit seiner Frau nach haus und drang mit einem gewissen Eifer in sie, ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreuteit und Teilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und er liess es gelten. Einen Augenblick aber hatte sie geschwankt, ob sie ihrem mann nicht sagen solle: nimm die Einladung zurück, ich kann diesen Mann nicht wiedersehen! Dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die sie einst mit Meining über unzweckmässiges Vertrauen gehabt hatte