oder einen Streit durch eine geschickte Wendung beenden. Das nahm die Männer für sie ein. Und obgleich sie nach jener Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt als bisher auf ihre Kleidung wendete, um nicht wieder zu ähnlichen Bemerkungen Anlass zu geben, machte ihr gänzliches Verzichten auf jene Bewunderung, die durch eigene Schönheit und durch Pracht der Kleidung hervorgerufen wird, den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen. Meining's zärtliche Eitelkeit auf seine Frau fand hier in dem grösseren Kreise die reichlichste Nahrung, und er gefiel sich darin, sie mit Schmuck und Luxus zu umgeben, um den Edelstein, den er in ihr besass, auch in der glänzendsten Fassung zu zeigen. Hatte er sie früher geachtet und wert gehalten, so war er nun recht eigentlich verliebt in sie. Sie war ihm die treue Gefährtin von früher und doch eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man ihn um des Besitzes dieser Frau willen glücklich pries. Dann unterliess er nie, ihre häuslichen Tugenden, von deren Ausübung jetzt gar nicht mehr die Rede war, auf das Eifrigste zu rühmen und hinzuzufügen, wie töricht es sei, zu einer glücklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung zu betrachten, er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch vollkommen glücklich.
Und in der Tat, die Ehe des Geheimrats konnte man für ein Muster von Zufriedenheit betrachten. Denn dass Clementine unter den Spitzen und Perlen ihr Herz leer und sich mitten in der grössten Gesellschaft häufig verlassen fühlte, das konnte die Welt nicht wissen. Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu bleiben schien, nach Mariens Kindern, sie hätte viel darum gegeben, wenn Marie ihr eines derselben anvertraut hätte, aber weder Marie noch der Geheimrat, der das unruhige, kindliche Treiben nicht mehr liebte, zeigten dazu Neigung, so dass sie auch diesen Wunsch bald aufgeben musste, und das Liebebedürfniss in ihrer Seele blieb unbefriedigt. Sie fühlte sich alt werden und arm in all' dem Reichtum, der sie umgab, und die überzeugung, in ihrem Leben könne keine Freude mehr erblühen, wurzelte immer tiefer in ihrem Herzen. Dazu kam, dass die neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich selbst kaum zu gestehen wagte, das Bild des einst Geliebten trat hier, wo sie die schönste Zeit ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhörlich vor ihr inneres Auge.
Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem Mädchenstübchen sass, das sie sich jetzt zum Arbeitszimmer eingerichtet hatte, gedachte sie mit inniger Wehmut an die Stunden, die sie hier in Robert's Andenken verträumt, und ein Gefühl von Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer, ohne dass sie selbst sich dessen deutlich bewusst war.
In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Decembers folgendes Billet von einer Frau, die für einige Zeit ihren Wohnsitz in Berlin aufgeschlagen hatte, um sich von dem Geheimrat beraten zu lassen, wodurch auch Clementine mit ihr bekannt geworden war.
Werte Frau! hiess es in demselben, der Geheimrat verlässt mich eben, mit dem Versprechen, heute Mittag bei mir auf gut Glück ein Mittagbrod einzunehmen, wenn Sie ihn begleiten wollen. Und wollen müssen Sie diesmal; wäre es nur, um einen meiner geistreichsten Bekannten kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und den ich eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur für wenige Tage hier ist, alles Schöne seiner Vaterstadt versprochen und ihm zugesagt, dass er die liebenswürdigste der hiesigen Frauen bei mir finden solle.
Machen Sie, dass ich mein Versprechen halten kann. Der Geheimrat lässt Ihnen durch mich sagen, er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also!
Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrat nach haus kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen: Frau von Stein mit einer Dame im ersten Zimmer, die Männer in der Nebenstube, die eben angekommenen Zeitungen durchblätternd. Auch Meining ging in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit mit einem mann zurück, den Clementine, da sie mit dem rücken gegen die Tür gesessen hatte, erst erblickte, als der Geheimrat ihn zu ihr führte. Herr Talberg, sagte er, der, wie ich eben höre, ein Freund Deines väterlichen Hauses war.
Clementine war keines Wortes mächtig. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre Brust, ihr Herz schlug so heftig, dass es sie betäubte, und ihre Aufregung wäre sicher Niemandem entgangen, wenn nicht Frau von Stein in komischem Verdrusse ausgerufen hätte: Also Sie kennen einander? O! das ist ein himmelschreiendes Unrecht! Das ist ja der interessante Fremde, den ich Ihnen angekündigt hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich selbst!
Clementine erwiderte den Scherz mit einem erzwungenen Lächeln und Robert entgegnete: Für mich, gnädige Frau! ist die Ueberraschung, die Sie mir zugedacht, um so grösser, da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermutete. In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in der grossen Welt, dass wir auch von den glänzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig mehr erfahren.
Diese künstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es gelang ihr, eine gleichgültige höfliche Antwort zu geben. Sie fragte, ob Talberg viel auf dem land lebe, und erfuhr, dass er, nach dem tod eines Verwandten, dessen grosse Güter an