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betrachten. Fast täglich wurden ihr Fremde vorgestellt. Ein grosser Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und, obgleich das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermisste sie doch gar sehr ihre früheren Bekannten, deren sie nur noch äusserst wenige in Berlin vorfand. Von ihren Jugendfreundinnen waren die meisten verheiratet und mit ihren Männern nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren teils gestorben, teils, da sie dem Beamtenstande angehörten, ebenfalls versetzt; so, dass ihr eigentlich nur die Frau eines reichen Kaufmannes von dem früheren Kreise übrig geblieben war. Clementine hatte dieselbe erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen lernen, und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unähnlichen Charaktere, angezogen. Clementine war eben damals sehr niedergedrückt gewesen, und es hatte sie gefreut zu sehen, dass Jemand so lebensfroh, so vollkommen glücklich sein könne, als Marianne, deren gutmütiges, offenes Wesen sie für dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran gefunden, Marianne, die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, teil nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genüssen, die ihr elterliches Haus fast täglich bot. Dort hatte jener reiche Bankherr die Mittellose kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinen's Abreise geheiratet. Bezaubert von dem Liebreiz seiner Frau, hatte er ihr in der ersten Zeit ihrer Ehe in Allem den Willen gelassen, und Marianne hatte sich dann in ein Meer von Zerstreuungen gestürzt, die nicht ganz ohne nachteiligen Einfluss auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Ziererei und Gefallsucht, die Clementine oft an ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie ihrem mann aber auf's Innigste ergeben, und sehr glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen war, liess Clementine die Hoffnung nicht schwinden, die Lebenslustige werde von den Torheiten, welche sie in dem Weltleben angenommen, zurückkommen, je mehr dasselbe ihr zur gleichgültigen Gewohnheit und das Kind ihr Freude und Beschäftigung werden würde. Sie gab sich also ohne Rückhalt dem Vergnügen hin, welches das Beisammensein mit der früheren Bekannten ihr gewährte; Marianne behauptete, ausser sich vor Entzücken über die Rückkehr ihrer Clementine zu sein, und da ihre Männer durch Geschäfte sehr beansprucht, die Frauen also sich selber überlassen waren, kamen sie häufiger zusammen, als es eigentlich in Clementinen's Absicht gelegen hatte.

Der Geheimrat hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu übernehmen, durchaus festalten wollen; er konnte es aber nicht durchführen, da er bald von den angesehensten Familien der Residenz in bedenklichen Fällen zu Rat gezogen wurde, und die hülfe, die der vornehme und Reiche forderte, dem Armen nicht versagen durfte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es beschlossen hatte. Eine ausgedehnte Praxis nahm ihn bald so sehr in Anspruch, dass er kaum Zeit behielt, seinen Vorlesungen an der Universität gerecht zu werden, und Clementine sah ihn also fast noch weniger, als in Heidelberg, da er sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte, und somit auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, dass die Eheleute, die sich Morgens nur flüchtig gesprochen hatten, erst bei dem späten Mittagessen wieder zusammentrafen, welches sie bald als Gäste ausser dem haus oder mit Gästen in ihrem haus einnahmen, und dass dann Meining, wenn er anderweit in Anspruch genommen war, seiner Frau dringend zuredete, den Abend nicht allein zu verleben, sondern das Teater oder eine Gesellschaft zu besuchen, in welcher sie sich zu unterhalten hoffen konnte.

So geschah es auch, als sie eines Mittags in kleinerm Kreise im haus des Bankiers gegessen hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen, und Marianne bat ihre Freundin, den Rest des Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in alten guten Tagen, ein wenig von alten guten Tagen zu plaudern. Später, zum Tee, sollten die Männer zurückkehren.

Marianne hatte der Geheimrätin nie so nahe gestanden, dass diese zu einer besonders vertrauten Unterhaltung mit ihr geneigt sein konnte. Sie versprach sich deshalb von dem Abende keine wesentliche Befriedigung, willigte aber doch ein, ihn mit Marianne zu verleben, weil dieser viel daran gelegen zu sein schien. Nachdem die Männer sich entfernt hatten, zogen sich die beiden Frauen dann in ein kleineres Zimmer zurück, setzten sich behaglich nieder, und, wie immer, begann die Unterhaltung von ganz äusserlichen Dingen. Man sprach von Modenund von Kleidung, und Marianne meinte: Mit Dir ist im grund nicht davon zu reden, denn Du, meine Beste! kleidest Dich wirklich wie eine Nonne! Schon als Mädchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hüte mich tödtlich gelangweilt; nun aber, wenn man Deine neue Equipage und die Diener in Eurer Livree sieht, müsste man wirklich meinen, nun werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehenaber nein! eine Herrenhuterin, eine barmherzige Schwester sieht heraus, mit edlen Zügen, dunkeln Augen, mit freundlicher Miene; und man erfährt verwundert, die Dame im schwarzen schlichten Kleide, die in sanfter Nachlässigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche Geheimrätin von Meining, die Frau eines unserer berühmtesten Männer, der sie unaufhörlich mit Schmuck und Putz überhäuft. Weisst Du, lieber Schatz! dass Du damit Deinem mann zu nahe trittst? Man muss ja glauben, dass Du nicht glücklich bist, wenn Du Dich so aufgiebst. Die junge, schöne Frau