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selbst beschränkt. Sie wusste, dass ihr Herz weit und froh werde, so oft es ihr vergönnt war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzückt über das Glück, das sie Beide in dieser Stimmung empfinden mussten. Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete Freude. Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewöhnlich kühl und regnig geworden und blieb fast beständig schlecht. Man konnte kaum daran denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstrassen neblig, trotz der noch frühen Jahreszeit; in den Städten still, weil der Regen die Leute zu haus hielt. Meining, der sonst immer gesund war, hatte, darauf trotzend, sich eine Erkältung zugezogen, die, wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und das Wiedersehen seiner frühern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig gealtert, dass ihr Anblick ihm peinlich war, weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerückten Jahre mahnte. Er fand einige mitten in einer grossen Familie, gedrückt von Sorgen und nicht belohnt für ihr Leben, wie sie es verdienten, Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden Verhältnissen, verheiratet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste, halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, dass er doch eine gar junge Frau gewählt hätte, was, trotz ihrer Liebenswürdigkeit, immer bedenklich sei; Jene rührten ihn durch eine Masse von Klagen, durch Leiden, denen er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glücklich zu sein, um so drückender wurde ihm die Lage seiner frühern Bekannten. Unwohl und niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die grösste Beschleunigung der Reise und beschloss Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel und zur Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhältnissen, nur einverstanden sein konnte.

Bei der Eile, mit welcher die Reise zurückgelegt wurde, sah sich Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt. Als sie zuerst die bekannten Plätze erblickte, überfiel sie eine solche Wehmut, dass ihr die Tränen aus den Augen stürzten und sie sich, wie ein banges Kind, an Meining schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie bewegte. Da ging die erste bekannte person vorüber, und ein Gefühl von unbeschreiblichem Vergnügen trocknete die Tränen. Nun war es bald ein Dienstmädchen, das in ihrem elterlichen haus gedient, ein Offizier, mit dem sie auf den Bällen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer Freundin gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauftkurz auf jedem Schritte neue Gegenstände der freudigsten Erinnerung. Sie war wieder zum frohen kind geworden, und Meining konnte gar nicht Alles sehen und bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens und Bewunderns würdig, zeigte. Er wurde selbst heiter, als er den Ort, an dem er zu wirken berufen war, so glänzend und bewegt vor sich sah, und die Freude seiner Frau erhöhte diese gute Stimmung. Jetzt bog der Wagen in die Jägerstrasse ein; sie hielten vor dem haus von Clementinens Eltern, in dem haus, in welchem sie jetzt wieder wohnen sollte.

Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes geblieben, das ein Verwandter für sie verwaltet hatte, als sie Berlin verliess, und hatte sich das Quartier, welches ihre Eltern einst inne gehabt, frei machen lassen, sobald sie die Nachricht von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie wieder in die wohlbekannten Räume ein. Es war ihr, als hätte sie sie eben verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange zurück; aber wie war Alles so fremd, so öde! Die Zimmer, kaum notdürftig möblirt, schallten wieder von der stimme der Sprechenden; nur die stimme des teuern Vaters, der herzliche Willkomm der Tante tönten nicht an ihr Ohrsie waren tot, entfernt! Und doch sass da drüben am Fenster noch die schöne, stattliche Frau mit dem Wachtelhündchen, vor der tür die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grüssend an den Fenstern der gefeierten Sängerin vorüber; die Schauspieler eilten zur probe in das nahe Teater; die Feinschmecker zogen zu Tiermann. Es war Alles das Alte geblieben, nur Clementine war eine Andere, eine Fremde in der Heimat geworden.

Mit diesen Gefühlen betrat sie ihr ehemaliges Stübchen und versank in tiefe Gedanken, aus denen das fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die auspacken und einrichten und herstellen wollten. Dann kam Meining hinzu, die wohnung wurde durchwandert, Rücksprache über die nötigsten Erfordernisse genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend für diesen Tag und die ganze nächste Zeit.

Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschäfte für die Hausfrau. Der Geheimrat wünschte sich glänzend einzurichten, seine Säle zu dem Sammelplatz der geistigen Grössen zu machen, und in diesem Sinne mussten die Einrichtungen getroffen werden. Clementinen's geläuterter Geschmack, ihr angeborner Schönheitssinn kamen ihm dabei vortrefflich zu Statten. In wenigen Wochen waren die öden Zimmer in eine wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht einfach und behaglich erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und für diese Umgebung geschaffen war, und Meining fand eine Freude daran, Clementine in diesen neuen Verhältnissen zu