war es ihm nie geworden, wie es selbst trotz der eigenen Unheimlichkeit erfasset sei und untertänig ihrem bösen Hausgeiste. War doch Gott ihm kein Trost, suchte es doch im Gebete den Frieden nicht, hatte doch all sein Glauben wenig Einfluss auf seine Stimmungen, suchte sein Auge in keiner Schickung Gott, war ja auch sein Leben eigentlich los von Gott, wenn es auch weder ungläubig noch lasterhaft war. War es aber nicht deswegen so in Ängsten, ein ratlos Laub im Winde, meinte sich abhängig von alten Launen alleine und dachte nicht daran, dass auch es Gottes Kind sei und jedes Haar auf seinem haupt in dessen Schutz und dass in einem festen Entschluss, in Gottes Namen gefasst, die beste Abwehr sei für unbegrenzte Angst?
Aber so ist es, schön Predigen ist nicht schwer und viel Glauben auch nicht, aber den Glauben zum Leben werden zu lassen und die Predigt zu einer brücke vom alten Wort ins junge Leben, das ist schwer. Zumeist hat es der Mensch wie ein kluger Kaufmann, alles wohl sortiert, hier eins apart und dort das andere für sich, in einem Krummen ist der Glaube, in einem andern sind die Ansichten, in einem dritten die Grundsätze, in einem vierten die Gefühle, das Leben aber hat er in den Fingern, und wenn er seinen Kunden wägen tut Rosinen und Weinbeeren, Mandeln und Kaffee, so frägt er weder nach Ansichten noch nach grundsätzen, sondern wiegt eben, wie es ihm in den Fingern ist. Schlägt der Kaffee ab, so wiegt er wie der frommste Christ, denn viel Absetzen so schnell als möglich ist sein grösster Vorteil; schlagen die Weinbeeren auf, so kleben sie ihm an den Fingern und er wiegt wie ein emanzipierter (das sind eben die schlimmsten) Jude, denn je weniger er heute gibt, desto mehr löst er aus den andern morgen. So aber wie ein wohlassortierter Jude soll es der Christ nicht haben, er soll eins sein, das heisst nicht alles durcheinander, einem Knäuel gleich, in welchem es hinten und vornen gleich strub ist, wie es in mancher Schreiberei aussieht und in manchem oberkeitlichen und sonstigen Haushalt, sondern einem schönen Baume gleich, wo aus lebendig gewordenem Kerne die festen Wurzeln sprossen, schlank der Stamm gegen Himmel strebt, schattenreich und weit die Äste sich ausbreiten. Der Glaube ist das Wurzelgeflecht im christlichen Herzen, entsprossen dem lebendig gewordenen Worte, der Stamm ist des Lebens Wuchs, das den Himmel sucht, die Äste die einzelnen Verrichtungen, welche das Leben fordert. Dieses Einswerden in sich ist auch das Einswerden mit Gott, unser Ziel auf Erden, zu welchem Christi Fussstapfen führen, aber wohlverstanden nicht diesseits, sondern erst jenseits.
Weit kommoder als dies ist es freilich, wenn man annimmt unser Fleisch sei unser Gott, und was das wolle, sei recht; da ist die Einheit rasch da, aber es ist die Einheit, welche bereits in der Maus und in der Katze, im Hunde und im Hasen ist.
Kommod ist es wieder, wenn man unser Fleisch für einen dürren Ast erklärt, der nichts mehr zu bedeuten hätte, also den Glauben oder den Geist nichts anginge, so dass was allfällig noch mit ihm vorginge, ehe er völlig zu Staube würde, sie nicht im mindesten zu verantworten hätten. Das ist den Worten nach zwei, aber dem Wesen nach eins; es führt beides zu der Einheit, welche im Tiere ist, aus welchem wir uns emporwinden, aber nicht in Gott, zu welchem wir emporsteigen sollen.
Gar Manche aber auch meinen, der aufgespeicherte Same sei das Ackerfeld selbst, und denken nicht, dass was im Spycher wächst, Auswuchs oder Würmer sind. Was im Spycher ist, muss man, während es gesund ist, mahlen, dann gibt es gesundes Brot, wird zu Fleisch und Blut in gesunden Körpern, oder man muss es eben wieder aufgehen lassen in des Lebens Ackerfeld zu neuer Frucht, zur Frucht, die bis in den Himmel reicht.
Es sprosste in Anne Mareili, wie nach einem fruchtbaren Gewitterregen, wenn im Westen durchs Gewölk die Sonne bricht, während im Osten der wunderbare Gnadenbogen sich wölbet. Es war auch ein Durchbruch. Aber wenn es sprosst, so streckt der Stamm seine Äste doch noch nicht bis in den Himmel hinein, und eben den Sprösslingen ist der Reif am gefährlichsten.
Als der letzte Gesang vorübergerauscht, der Pfarrer den Segen gesprochen, der Sigrist die tür geöffnet, ging Anne Mareili ungern aus dem kühlen, friedlichen haus hinaus ins heisse, staubige Leben; es fühlte eben in sich Leben wogen, Gefühle kreisen, der heiligen Stunde hätte es so gerne abgewartet innerhalb den stillen, heiligen Mauern. Wer aber sein Leben draussen hat, nicht drinnen, wer sein Gehör anstrengen muss, seine Sinne zusammenhalten, die, wie ein Trupp wilder Buben, sich nicht gerne stille halten an einem Orte, der mag wohl kaum warten, bis der Pfarrer schweigt, der Sigrist ds Loch aufmacht für die ungezogenen Buben, die hinausfahren, ehe er es noch recht offen hat. Anne Mareili musste mit den Anderen hinaus und trappete ins Dorf hinein, ohne dass es durch etwas gezogen ward, ohne dass es wusste, wohin es wollte; innerlich war seine Seele gekehrt. Aber seiner selbst war es nicht lange; erst rief ihm die Krämerin, kramen sollte es, dann riefen ihm zwei Gefährtinnen, eine Halbe zahlen sollte es, dann kam die Wirtin und rief,