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der ganzen Gemeinde. Da nehmen sie alles, und was sie mir geben sollen, geben sie mir nicht, und wenn ich schon dene mann klage, so nützt es nichts, ich krieges nur böser. Es hats ein jeder auch so gemacht, und was ist so an einer alten Frau gelegen, wo man je eher je lieber unter dem Herd hat! Da, hatte ich gedacht, könnte ich zu euch, wenn üse Ätti greiset wär, und bruchte meinen Schleiss dort; du würdest notti schon sehen, dass ich ihn bekäme, und mich davon brauchen lassen, was ich öppe nötig hätte; öppe alles nicht, es bliebe immer noch übrig, was ihr nehmen könntet. Es hat mir wohl gefallen, bsunderbar, wie deine Mutter hat könne kramen und bifehle, es het mih düecht, wenn ich es einmal so haben könnte, nur einen monat lang, ich wollte zufrieden sein, aber mein Lebtag habe ich nie bifehlen können und werde auch nie dazu kommen, dass Gott erbarm! Aber vrsprenge hets mr ds Herz scho mängist welle, wenn ich daran gedacht, dass mein Mann vierzigtausend Pfund von mir hat können nehmen, so gut als wie einen Batzen, und wie ich davon nichts gehabt, aber habe können Hund sein fast vierzig Jahre lang; von wege, ich bin noch gar jung gewesen, wo ich ihn habe nehmen müssen und schier nit welle ha. Es hat mich auch düecht, ich möchte noch ein wenig ledig und lustig sein und so einen finde ich immer noch, wenn ich auch zehn Jahre noch warte. Jetzt macht es Anne Mareili doch besser, es muss Seinen, so Gott will, nicht vierzig Jahre haben, auf das allerhöchst kommt es mit zwanzig Jahren daraus, und dann hat es notti ein Schönes verdient; aber zwanzig Jahre sind lang und e alte Uflat e wüesti sache."

Unterdessen war in der Küche etwas Warmes zustande gekommen, der Mittag näher, und vom feld her hörte man Stimmen und Hundegebell. Die Bäurin nötigte ihn hinein und sagte, es sei drinnen neuis zweg, und dass das Volk ihn sehe, sei eben nicht nötig. Resli gehorchte und ward ins bekannte Stübchen gewiesen, wo er krank gelegen und wieder erwacht war; es war Anne Mareilis Stübli, das sicherste im ganzen haus, denn des Meitschis stube betritt nicht leicht ein anderer Fuss als solche, welche es eigenhändig einlässt.

So ein Mädchenstübchen, sei es gross oder klein, schön oder schlecht, ist immerdar ein Geheimnis oder wenigstens die Hülle eines Geheimnisses; manchmal birgt die Hülle ein Heiligtum, selig dann die Hand, welche die Hülle hebt, manchmal birgt sie das Gegenteil, und besser wäre der Hand, welche die Hülle gehoben, gewesen, sie wäre verdorret, ehe sie den unglücklichen Griff getan.

Resli achtete sich der Suppe nicht, welche auf dem Tische stand; er sah rings im Stübchen sich um, betrachtete alles in einer Andacht, die inniger und heiliger war als die englische, mit welcher die weisshaarigen Vögel alles betrachten, was in ihren Reisebüchern steht, und jegliche stube eines Berühmten, in die sie gewiesen werden, andächtiger betrachten, als jener Engländer die Jungfrau vom Rugen hinüber im Laternenschein. Er war nämlich am Abend bei Nacht nach Interlaken gekommen, wollte vor Tag am Morgen fort und wollte doch die Jungfrau sehen, liess an lange Stangen Laternen binden und zünden in die Nacht hinaus, und was er gesehen, weiss man nicht, aber er sagte: "Byutiful! Encore un moment", schrieb etwas auf, dann ging er heim, trank Tee, ass dazu andertalb Pfund Anken und andertalb Dutzend harte Eier und strich sich am folgenden Morgen wieder.

Und wie er da so herumschaute, Resli nämlich, von einem zum andern, ging die tür auf und Anne Mareili trat herein; die Mutter hatte ihm einen Wink gegeben, dass neuer seiner warte. Es schlug die hände zusammen, als es ihn sah, ward bald rot, bald weiss, und als es ihm stumm die Hand längte, zitterte sie.

"Die Mutter meints nicht bös", sagte er.

"Ja, gschauet einander nur", sagte diese, rasch eintretend, "und esset schnell, und je eher du gehst, dest besser ist es. Aus der Sache gibt es doch nichts, und wenn der Alte dazukäme, so wär das Wetter los für nichts und aber nichts."

"Aber Mutter", sagte Anne Mareili, "du wirst doch nicht begehren, mich so unglücklich zu machen, häb auch ein Gefühl für mich!"

"Hör chäre" sagte die Mutter, "du weisst ja, wie dr Ätti ist und was ich zu einer Sache zu sagen habe. Und so wegem mann ist es wäger nit dr wert, ds Wüestist alles z'mache. Am ende kömmts aufs Gleiche hinaus, nehme man den oder diesen, öppe e chly besser oder e chly böser, es ist e gringe Unterschied, und wenn es schon nicht nach dem geht, was man im Kopf hat, deswegen fährt einem der Kopf doch nicht ab, darauf chast zele. Ih hätt sust scho dryssig Jahr kene meh." Man gewöhne sich an alles. Dreissig Jahre sei es nie gegangen, wie sie gewollt, deretwegen würde es ihr jetzt gar ungewohnt vorkommen, wenn es einmal ginge, wie es sie düeche, dass es ihr anständig wäre. Und wenn dr