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welche einer Auszehrung glichen. Christen forderte nun Rücksichten für diese Schwäche, in der Arbeit, in der Speise, in der Pflege, in der Benutzung des Arztes usw. Man tat alles Mögliche, aber da sein Aussehen die Krankheiten nicht immer verriet, da er meinte, was er innerlich empfand, sollte man ihm auch äusserlich ansehen, so konnte es nicht fehlen, dass er sich zuweilen vernachlässigt glaubte, meinte, man achte sich seiner nicht und wäre froh, wenn er weg wäre.

Annelisi machte Ansprüche an die Welt, war ein lustig Ding, und wer weiss, ob nicht im Hintergrund ihrer Seele der Wunsch schlummerte, nicht schön Annelisi zu bleiben, sondern auch eine Bäuerin, wie die Mutter eine war, zu werden. Sie war daher gerne in aller Ehrbarkeit bei dieser, bei jener Lustbarkeit, und natürlich nicht gerne wie ein Aschenbrödel, sondern so aufgestrübelt und aufgedonnert wie jede Andere. Nun aber waren die Brüder nicht immer bereit zu ihrem Begleit, und alleine mochte sie nicht gehen, und der Vater wollte nicht immer Geld zu allem geben, was Annelisi nötig glaubte, und die Mutter war gewöhnlich auf des Vaters Seite und sagte, sie sei auch nicht Hudilump gewesen und hätte nirgends hintenab nehmen müssen, aber solches hätte sie nie gehabt, ja nicht einmal davon gehört. Sie hätte ihrer Mutter mit so was kommen sollen, jawolle! So was tat dann Annelisi weh, und sie meinte manchmal, sie sollte nur der Brüder wegen da sein und an ihr sei niemand etwas gelegen. Nur z'arbeiten sei sie gut genug, wenn sie aber auch etwas wolle, da sei niemand daheim.

Resli, der natürlich wohl wusste, dass er einmal den Hof erben werde, der hätte gerne mehr gehandelt mit der Arbeit, mehr gehandelt, mehr benutzt, und es schien ihm oft, als wenn niemand an ihn dächte, ja als ob alle so viel brauchten und so wenig täten als möglich, nur damit ihm nichts überbleibe. Er war gar nicht geizig, aber er war ängstlich, und in dieser stillen Ängstlichkeit, welche er nicht einmal zeigen durfte, kam er Vielen hochmütig vor, und Andere hielten ihn für geizig, weil er sehr oft zu haus war, um zu der Sache zu sehen, während Andere herumhürscheten unnützerweise und Geld brauchten.

Weder Vater noch Mutter kannten dieses innere Wesen; man lauscht es sich selten ab, darum denkt man auch nicht daran, dass es in Andern sei; aber die Mutter hatte von früher Jugend an die Kinder mit ihrem versöhnenden Hausgeist bekannt gemacht, hatte sie das Unser Vater so recht gelehrt, dass sie es nicht gedankenlos beteten, dass es ihnen auch war erst wie ein tiefer See, in den sie allen Groll versenkten, und dann wie eine hohe Leiter, auf welcher sie ins Land des Friedens, in den Himmel stiegen. Besonders bei den Brüdern, welche bei einander schliefen und meist zusammen beteten, hatte dieses die Frucht, dass sehr selten die Sonne des Morgens den Schatten noch sah, der bei ihrem Untergang das Herz des Einen oder des Andern verdunkelt hatte. Bei Annelisi hielt es etwas härter, weil keine bestimmte gelegenheit ihr gegeben war, ihr Herz des Grolles zu entleeren; wenn das Gebet sie allerdings versöhnlich gestimmt hatte, so konnte sie ihre Gesinnung nicht ausdrücken, nicht Frieden schliessen, nicht durch ein Bekenntnis sich entlasten. gewöhnlich kam dann die Gutmütigkeit der Brüder zu hülfe, die, wenn sie einmal etwas abgeschlagen hatten, hintendrein reuig wurden und eine Zeitlang um so gefälliger waren, oder die Schwäche des Vaters, der gar gerne seinem lieben Meitschi hintendrein etwas kramete, welches noch mehr kostete, als was Annelisi gern gehabt, aber nicht bekommen hatte.

So lebte die Familie berühmt und im Wohlsein, bis ein Schlag, äusserlich nicht von grosser Bedeutung, ihr ganzes Glück zu zertrümmern drohte.

Christen musste nicht nur sächlich die Gemeindelasten tragen helfen, sondern auch persönlich, das heisst er musste Vogt werden, öffentliche Verwaltungen übernehmen, sich auch in Behörden wählen lassen. Dieses ist an sich selbst eine Last, es ist aber auch bedeutende persönliche Verantwortlichkeit dabei, und seltsamerweise ist an manchem Orte diese persönliche Verantwortlichkeit unbezahlter Gemeindsbeamteten sehr gross, während den wohlbezahlten Regierungsbeamteten gar keine auferlegt ist. Wo das System herrscht, jeder Korporation dem Individuum gegenüber unrecht zu geben, aus dem übel verstandenen Grundsatz persönlicher Freiheit, und jeden Halunken zu begünstigen gegenüber dem rechtlichen mann, aus übel verstandener Humanität, da wird diese Verantwortlichkeit zu einer förmlichen Gefahr zu einem Schwerte, das an einem Pferdehaar über des Gemeindebeamteten haupt hängt.

Christen, bei seiner Unkenntnis aller gesetz, bei seiner Unfähigkeit, selbst zu schreiben, wurde dies sehr beschwerlich und kostbar. Aus eigenem Sacke musste er nicht nur fremde hülfe bezahlen, sondern hing auch ganz von fremdem Rate ab und musste diesem folgen, wie ein Blinder dem Hündchen, welches ihn leitet. Die eigentliche Gefahr jedoch fühlte er weniger als Änneli, wie dann Weiber immer mehr Ängstlichkeit besitzen vor dem Kommenden aus der dunkeln Zukunft als Männer. Alle diese Geschäfte, welche Christen von seinem Geschäfte und von seiner Arbeit weg, zogen, waren Änneli überhaupt zuwider, jedoch liess sie dieses den Mann nicht entgelten, wie Weiber oft tun, die dem mann noch mehr verbittern, wessen er sich nur gezwungen unterziehen muss. Insbesondere aber war ihr der verdächtig, welcher dem Mann am meisten mit seinem Rat beistand, sie warnte ihn oft vor demselbigen. Es