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zu bleiben, da wüsste ich doch, was ich hätte und woran ich wäre. Aber so will es ja Gott nicht, und darum müssen Vater und Mutter es so wünschen und den Kindern ans Herz es legen. Glaubt mir nur, blindlings will ich nicht hineintrappen, nicht meinen, es müsse erzwängt sein, weil ich einmal daran gesetzt. Die sache wird ja nicht eis Gurts gehen, und da wärs seltsam, wenn nicht an Tag käme, was innefert ist. Und wenn ich im Geringsten merke, dass es da nicht gut ist und ds Böse eingeurbet, so zählet darauf, es wird aus der Sache nichts, und sollte es mir das Herz zerreissen afangs. nachher besserete es schon, ich weiss es; aber wo lange verstocktes Böses ist, da bessert es nie, da böset es alle Tag." "Aber", sagte Annelisi, "wie willst du mit dem Meitschi zusammenkommen, da ihr ja kein Wort mit der Mutter geredet, was dumm genug ist; und wenn sie am Sonntag schon verkünden liessen? Oder hast du öppis Abgredts?"

Resli kam in Verlegenheit und sagte endlich: "Häb nit Kummer, etwas muss gehen, aber lieber behalte ich die Sache für mich, bis sie zueche an gewerchet ist, dass man weiss, wo sie hinaus will." "Das sollte ich zürnen", sagte Annelisi, "sonst ist es der Brauch, dass die Schwester so um eine Sache weiss, und schon gar manche Schwester hat dem Bruder gute Dienste geleistet, ist Lockvogel gewesen oder Deckmantel, und ohne Schwester wäre er nie zur Frau gekommen. Und warum ich das nicht so gut verstünde als eine Andere, das wüsste ich nicht, bin ich doch nicht von den Dümmsten eine. Aber wenn dus willst ghebt ha, so probiere alleine, und wenn du mich doch nötig haben solltest, so sags, ich will dir deswegen nicht ab sein, wenn du jetzt mich schon nichts schätzest."

Resli schlief selbe Nacht nicht viel; so recht schwer lag es ihm auf dem Herzen, dass er selbst den Kopf nicht mehr fühlte. Ihm selbst gefiel das ganze Dorngrütwesen nicht, die Leute nicht, ihre lebe- und Redeweise nicht, ihr Bauern nicht; es ging ihm fast mit ihnen, wie es einem wohlerzogenen, sittsamen Mädchen geht, wenn es unter ausgelassene, rohe Dirnen gerät; er fühlte Ärger, Ekel und konnte sich fast nicht entalten, zu sagen: "Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie diese da." Mit einer Frau von dem Schlage, wie sie im Dorngrüt der Brauch war, musste er unglücklich sein, das fühlte er, und sie passte so wenig in ihr Haus als eine Mistgülle vor das Haus, und Vater und Mutter würden weder bei einer solchen Schwiegertochter noch bei einer Gülle vor dem haus es aushalten können, das wusste er.

Wo ein Haus seit einer Reihe von Geschlechtern ein bestimmtes Gepräge hat und die Familie eine wohl hergebrachte Lebensweise, da ist das Heiraten ganz was anderes, wenn es nämlich glücklich sein soll, als wenn Zwei auf der Strasse sich finden und im ersten, wohlfeilsten Stübchen sich ansetzen. Und in einem adelichen Bauernhaus ist dies noch viel schwerer als in einem adelichen Herrenhaus; im Herrenhaus ist der Haushalt zumeist in den Händen einer angestammten Dienerschaft, im Bauernhaus ist es die Bäurin, welche ihn führt und die Regel macht.

Nun schien Anne Mareili dem Äussern nach vollkommen zu ihnen zu passen; gemessen, freundlich, stattlich, säuberlich erschien es ihm, flink zur Arbeit und im Befehlen nicht ungeübt. Vater und Mutter hatte es nicht widerredet, Hund und Katze liebten es, Hühner und Tauben liefen ihm draussen nach. Das alles waren ihm gute Zeichen, aber doch nur äussere, und was inwendig in ihm war, hatte in der kurzen Zeit, in welcher er es sah, nicht zum Vorschein kommen können. Und er wusste es wohl, dass ein Mädchen Sinn für ein anständiges Äussere haben kann, vor seiner ganzen Familie sich auszeichnet, aber inwendig, wo man mit keiner Brille, keinem Feldspiegel hinsieht, da lässt es es ruhig beim Alten und gleicht den Übrigen auf ein Haar; das kommt dann aber erst zum Vorschein nach der Heirat, wenn man hat, was man will, und sich nun nach innerm Behagen kann gehen lassen.

Resli hatte schon manchmal es gesehen, wie aus einer jungen schönen Frau ein Ding, fast ein Ungetüm sich herauspuppte, welches man gar nicht im feinen und lieblichen Meitschi gesucht hätte. wenn es ihm auch so gehen sollte, wenn seine Eltern ihre grauen Haare mit Jammer in die Grube tragen müssten, und er müsste dem zusehenes trieb ihm aufs neue das wasser in die Augen. Wie das auch möglich sei, dachte tief Resli nach, aber er ergründete es nicht; aber genau zu forschen mit Furcht und Zittern, das beschloss er. Dass Resli dies Geheimnis nicht ergründet, soll niemand verwundern, ergründet es doch Mancher nicht, der Professor ist oder Ratsherr sogar oder gar ein halber Moses mit glänzendem gesicht, mit dem Unterschiede nur, dass dessen Glanz nur rückwärts und innerlich wirkt, daher ein Schleier nicht nötig ist.

Hat aber niemand je ein herrlich Kleid gesehen, funkelnagelneu, glitzernd und aller Menschen Wohlgefallen, hat er das Kleid später nicht gesehen, abgeschossen, ohne Glanz, mit übertünchten Flecken, einem Kammermeitli am leib, hat er es