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", sagte Anne Mareili; "du wirst vielleicht nicht abkommen können, wenn du willst, dein Meister wird dich nicht gehen lassen." Da hob Resli sich auf; als er aber einen schalkhaften Zug um Mareilis Mund sah, antwortete er: "Vexier nur, du wirst wohl wissen, wer ich bin." "Wie wollte ich das wissen" sagte Anne Mareili, "gefragt habe ich niemals und an der Stirne steht es dir nicht geschrieben, so wenig als einem Andern." "Hat es dich denn gar nicht wunder genommen?" fragte Resli. "He, ungefähr wie du Langeweile nach mir gehabt hast, und wen hätt ich fragen wollen, den Ätti oder unsern Kohli?" antwortete das Meitschi. "Aber Spass apart, wem bist?" Da erzählte Resli, wer er sei, und hatte nicht nötig, viel zu rühmen, denn wer ds Bure zLiebiwyl seien, das wusste man im Dorngrüt ungefähr so gut, als man in adelichen Ländern die adelichen Häuser kennt. Er rühmte nicht Land nicht Viehstand, nicht Reichtum, er rühmte bloss seine Geschwister, seinen Vater, seine Mutter, wie gut alle gegen ihn, wie einig sie überhaupt seien. Der gestrige Abend trat immer deutlicher vor seine Seele, das wasser kam ihm in die Augen, das Herz auf die Zunge, und andächtiger als vor keinem Pfarrer, heiss im Herzen und nass in den Augen, sass Anne Mareili vor ihm. Da trat die Mutter herein mit Kaffeekanne und Eiertätsch und sagte, sie hätte neuis gemacht und wolle sehen, ob er möge.

Man hat viele Erzählungen, wie man Geister vertreiben, Erscheinungen verscheuchen könne und wie man dafür manchmal Kapuziner weiter beschicken müsse; aber wie man das Herz von der Zunge treiben, die Seele aus den Augen, beide hinunter in ihren tiefen, dunkeln Versteck und vor beide eine tür machen und vor die tür einen Riegel schieben könne, das berichtet man uns nicht, und doch können es so viele Leute und wissen es nicht, tun es so viele Mütter, so viele Väter und schimpfen dann darüber, dass die Herzen sich so verstecken und verschliessen täten. Aber es ist kurios, wie die Menschen so oft nicht wissen, was sie machen, und noch kurioser ist es, wie die Herzen so kurios sind, fast wie die Murmeltiere, die auch nur aus ihren Höhlen kommen ins Freie, wenn kein Lüftchen geht, aber recht warm und lieb die Sonne scheinet.

Stumm waren Beide, während die Herzen sich verkrochen; dann sagte Resli, sie sollten doch nicht Mühe haben seinetwegen, er möge nicht und sollte fort, und Anne Mareili sagte: "Weisst, wem er ist? Er ist ds Liebiwyle Bure Sohn, du weisst, wir haben schon oft von ihnen gehört, öppe von Bettlerleuten und Andern." "So? He nun so de", sagte die Mutter, "aber mit dem Fort pressier nicht, nimm zerst und iss. Meitschi, schenk ein und gib ihm, ich habe noch den Schweinen ob, habe gedacht, es gehe in einem Feuern zu." Aber es war ihr nicht sowohl um die Schweine, als um dem Vater es zu sagen, der immerfort brummte, dass man Leute heimbringe und nicht wisse, was für Fötzeln es seien, gerade auf dem Wege komme man ins Brüll und mache sich einen schlechten Namen. Als er hörte, für wen Resli sich ausgab, sagte er: "Wenn es wahr ist, so kommt er von einem rechten Orte her, aber es hat sich schon manchmal einer für den Andern ausgegeben, und je eher er fortkömmt, dest lieber ist es mir. wenn es dr Kellerjoggi vernimmt, es weiss kein Mensch, was er sagt. Sorg ha muss man, Frau, du weisst doch, wie misstreu er ist."

Drinnen machte Anne Mareili die Hausfrau mit Servieren und Pressieren, und was das Trauliche dieses Amtes erhöhte, war, dass Anne Mareili alles zum Bette bringen musste, das Kacheli hielt, während Resli aus dem Blättli trank. Man glaubt gar nicht, wie lieb man sich während solchem Trinken und Halten werden kann. Resli wehrte sich zwar gegen alles Essen und Trinken, aber das Halten und Zutragen war so schön, so appetitlich, dass er ass und trank, er wusste nicht wie. Freilich machte er lange daran, liess noch länger sich nötigen, brachte alles mit der grössten Mühe hinunter, aber es dünkte ihn doch, so gut hätte ihn noch nie etwas gedünkt und er möchte Tag und Nacht so essen und trinken, wenn so ein Anne Mareili es ihm immer zutrüge und Handreichung täte. Das war so ein traulich, herzlich Abwarten und Hinnehmen, wie es wohl selten und darum um so süsser ist.

Da kam die Mutter wieder und die hiess auch den Vater kommen, ein Kacheli Kaffee zu nehmen, und da war die süsse Traulichkeit wieder davongeflogen. Der Vater war einsilbig, fragte nicht einmal, wieviel Kühe sie hätten, ob auch eine Käserei, und wieviel sie melchten; aber immer mehr blangte es Resli nach Heimat und Mutter, immer mehr quälte ihn die Angst über die Angst, welche sie um seinetwillen ausstehen müssten, da kein Mensch wisse, wo er geblieben, und man ja wohl wisse, wie in solchen Stücken gelogen werde. Anne Mareili wollte ihn trösten und sagte, bei einem so jungen Burschen sei die Angst nicht