der Kirche. Wer es vermag, sollte immer frühe gehen, wer hintendrein hastet, kommt sehr selten mehr in die rechte Stimmung, so wenig als der Pfarrer, der weltliche Geschäfte abmachen muss, ehe er ans heilige Werk gehen kann. Es ist gar eigen, unser Gemüt, und stille und feierlich muss es um dasselbe sein, wenn es stille und feierlich in ihm werden soll, so wie auch die Winde aufhören müssen zu wehen, wenn die Wellen sich legen, das Meer sich ebnen soll.
Wenn man da so sitzt im stillen, weiten raum, vielleicht ein schönes Lied von der Orgel tönt oder ein schönes Wort aus der Bibel kommt, und Die Glocken rufen die draussen herein, da, wie die Augen im Dunkel des Kellers allmählich aufgehen und zu schauen vermögen, so geht es unsrer Seele: sie öffnet sich Eindrücken, für welche sie sonst verschlossen war, und wenn der Prediger kommt und als geistiger Säemann frommen Samen streut, so fällt dieser Same in offene Seelen, wo er sonst nur Ohren gefunden hätte, und Ohren, die nicht hörten.
So wurden ihre Seelen noch weiter, empfänglicher ihr Herz, gespannt harrten sie auf die Textesworte des Pfarrers, welche an bewegte Seelen kommen wie eigene Losworte oder vielmehr wie Worte aus des Herrn eigenem mund und vom geist, der alles weiss, auch die Bewegung jeglicher Seele, dem Pfarrer in den Mund gelegt für diese oder jene Seele. Und darum haben solche Textesworte für bewegte Seelen eine ganz eigene Kraft, und nach Jahren, wenn die Predigt längst vergessen ist, hört man noch solche Worte anführen, durch welche die Seele niedergeschlagen worden oder aufgerichtet.
Da schlug der Pfarrer das heilige Buch auf und las die Worte: "Was fehlt mir noch?" Diese Worte fielen nicht zündend in ihre Seelen, sondern fast kamen sie ihnen allerdings vor wie eine Frucht vom heiligen Baume, aber eine fremdartige, mit welcher sie nichts zu machen wussten; betroffen wiederholten und betrachteten sie dieselben, aber die Beziehung auf sich fanden sie nicht.
Da begann der Pfarrer zu reden von seiner letzten Predigt und wie er ermahnt, dass man jedes Abendmahl geniessen möchte als ein Abschiedsmahl, versöhnt mit allen Menschen. Aber nicht bloss an die, welche man lasse, hätte man zu denken, sondern auch an das, was vor einem liege, an die, zu denen man wolle; nicht nur Abschied habe man zu nehmen, sondern auch zur Reise sich zu rüsten, und da müsse jedem die Frage von selbst kommen: Bin ich fertig, oder was fehlt mir noch? Habe ich, was zum Himmelreiche hilft, oder was mangelt mir? Da sei es, wo man so leicht sich täusche, und man täusche sich allemal, wenn man das Ziel ergriffen zu haben meine. Es seien aber deren so Viele, die mit aller Zuversicht den Himmel erwarteten und vollkommen mit sich zufrieden seien, sich innerlich gerne zum Beispiel Anderer aufstellten, mit aller Behaglichkeit auf Andere herabsähen und selbst ihre Fehler zu beschönigen wüssten, als wären es Tugenden, und sie selbst Gott als solche anrechneten, fast wie zuweilen ein Mensch den andern zu betrügen suche mit einem gemeinen Steine, den er für einen kostbaren Edelstein ausgebe.
Wenn man so im Allgemeinen und von weitem an den Tod dächte, so meine man nur zu gerne, man wäre fertig und es sei leicht zu sterben; aber wenn er plötzlich vor einem stünde, so käme es einem anders, und was man leicht geglaubt, das käme einem schwer vor, und was man nicht gesehen, für das gingen einem die Augen auf. Sie sollten nur an den reichen Jüngling denken, wie der guten Muts zu Jesus gekommen, willens, das ewige Leben zu gewinnen, und das Gewinnen leicht glaubend, weil er schon so vieles getan und die Gebote gehalten von Jugend auf Was fehlt mir noch? habe auch der gefragt. Geh, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, sagte Jesus. Darauf war der Jüngling nicht vorbereitet, er ging betrübt hinweg; er, der gemeint, er hätte alles getan, was er schuldig gewesen, dem fehlte noch alles zum Himmelreich. Dem fehlte der christliche Sinn, der gehorsam ist bis zum tod am Kreuz, ihm fehlte die Liebe, die Gott über alles hält, den nächsten als sich selbst; der war zu allem bereit, aber nur zu dem, woran er gewöhnt war, und nicht zu dem, was der Herr von ihm forderte; er war getreu, bis der Herr seine Treue erproben wollte; ihm fehlte der Geist, der in alle Wahrheit leitet und den Menschen bewahret in jedem Verhältnis, in jeder Anforderung ein Kind Gottes bleiben lässt, wie er die Apostel das Rechte reden liess vor jeglichem Richter.
"Nun leben Tausende dem reichen Jünglinge gleich, wissen nicht, dass die Hauptsache ihnen fehlt. Sie leben in stiller Rechtlichkeit, im Geleise, in welchem Vater und Mutter gegangen, geben keinen Anstoss und finden keinen Anstoss im Leben, aber ihnen unbemerkt leben sie doch für etwas, und dieses Etwas ist ein Zeitliches, es ist ihr Gut, und ihnen unbemerkt leben sie für dieses Gut, in einer immer festeren Angewöhnung, auf besondere Weise, und dies Gewohnheit wird ihr Meister und regiert sie, sie merken es nicht. Tritt nun etwas Besonders in ihr Leben, fordert Gott ein Opfer von ihnen, streckt er seine Hand nach ihrem Gelde aus