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wir nichts wider einander haben, sondern uns Gott und Menschen zusammen zeigen dürfen."

"Ja", sagte Annelisi, "ich habe gegen dich gefehlt, Mutter, und es ist mir leid; aber wenn wir morgen zum Nachtmahl gehen wollen, so muss ich geschwind noch ins Dorf hinter den Schneider her, der hat wieder versprochen und wird nicht halten, und wenn ich mein neues Tschöpli nicht bekomme, so kann ich nicht mitkommen, denn im alten darf ich mich nicht mehr zeigen." "Du bist immer das gleiche Annelisi", sagte der Vater, "und hast nur deine Narretei im Kopf, sonst wurdest du jetzt nicht an dein Tschöpli sinne, sondern daran, was es heisst, wenn Vater und Mutter und Brüder und Schwester mit einander zum Nachtmahl gehen wollen, zu einem Versöhnungsbunde, damit sie auch mit Gott versöhnet bleiben. denke daran, wenn du deinen Sinn immer an der Hoffart hast, so wirst du unglücklich und machst unglücklich, wer um dich ist. Jetzt weiss ich, was es heisst: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz, und wenn der Schatz verloren wird, so geht das Herz im Jammer unter. Darum müssen wir nach einem Schatze trachten, der nicht verloren geht, um deswillen wir nicht Gott und Menschen hassen müssen. Nein, Annelisi, heute gehst du nicht deinem Tschöpli nach, sondern lässest Tschöpli Tschöpli sein und bleibest bei uns, und wenn du scholl einmal ein Kapitel lesen wurdest, so wurde es dir nichts schaden. Auf mich musst du nicht sehen, ich habe mehr zu tun und zu denken als du, und dann brauche ich nicht immer zu lesen, wenn ich an etwas Gutes sinnen will, ich kann noch gar manchen Spruch, den du nicht kannst; öppis Guets z'lehre ist man zu vornehm, und es soll manchen neumodischen Lehrer geben, der sich der Bibel schämt und der übers Fragebuch nume zäpflet. Ich habe scholl manchmal gedacht, wie es endlich kommen müsse und dass man sich nicht verwundern dürfe, wenn die Kinder nur an Tschöpleni denken wenn man vom Nachtmahl redet." "O Ätti, zürnt nicht, ich habe das so gesagt und nichts weiters gesinnet, aber ich bleibe ja gern daheim, und es ist nicht, dass ich nur an Tschöpleni sinnen muss. Wenn morgen der liebe Gott in mein Herz sieht, so wird er auch sehen, dass ich an Vater und Mutter sinnen kann und daran, wie ich sein müsse, dass sie mich doch lieb haben könnten auch so recht. Gell, Müetterli, du glaubst es?" sagte Annelisi, legte ihren Ellbogen auf deren Achsel und streichelte ihr die Backen, wie kleine Kinder es so gerne zu tun pflegen. Es sei notti ein Gutes, sagte die Mutter, wenn man schon zuweilen nicht wisse, woran man mit ihr sei, und meinen sollte, sie hätte lauter Flausen im Kopf; aber wenn sie sterben sollte, so werde Annelisi nicht die Letzte sein in der Haushaltung und zeigen, dass sie noch etwas anderes wisse als Flausen machen und hoffärtig sein.

So sass die Familie in ernsten und lieben Gesprächen ungestört zusammen bis in den tiefen Abend hinein. Vieles wurde verhandelt, aber die Hauptsache drehte sich immer um Ännelis Glaube, dass sie bald sterben werde und dass sie morgen das letzte Mahl mit ihren Kindern hielte. Weichmütig, aber heiter hielt sie diesen Gedanken fest, wie sehr die Andern ihn ihr auch ausredeten. Sie redete viel von Ahnungen und von Exempeln aus ihrer Familie, dass den Kindern die Herzen immer weicher wurden, bis endlich der Vater sagte: Er hülfe, sie wollten hinein und ein Kapitel lesen, da wisse man doch, dass es wahr sei, und könne sich trösten damit; bei solchen Sachen aber wisse man nicht, was daran sei, und sie machten einem nur traurig und unnötig z'förchten Er wolle hoffen, der liebe Gott werde sie noch lange im Frieden bei einander lassen; hätte er ihrem Streit zugesehen, so werde er jetzt auch seine Freude an ihrer Liebe haben wollen. Sie erbauten sich an Gottes Wort, und in feierlicher Stimmung, fast wie am Abend vor dem ersten Abendmahl, suchten sie die Ruhe.

Feierlich steigt ein heiliger Sonntag übers Land herauf; da hört man keine Kutschen, Chaisen rollen. Niemand kommt es in Sinn, Gott und seinem Gewissen entrinnen zu wollen; da weiss man noch, was der städtische Pöbel, zusammengesetzt aus Herrn V. und Herrn X., nicht mehr weiss, dass wenn man auch Flügel der Morgenröte nähme und flöge ans Ende des Meeres, der auch da sei, der den Wurm im Staube sieht und jeglichen Schlingel, sei er zu Fuss oder zu Wagen; da weiss man noch, dass man nicht Ärgernis geben soll, und schämt sich des städtischen Pöbels, der gerade an den heiligen Tagen rings auf dem land Zeugnis ablegt, wie nahe er trotz seiner guttuchenen Kutte dem Vieh verwandt sei und wie er, ohne seiner Ehre Abbruch zu tun, jedem Schweine "Götti" sagen kann.

Feierlich steigt der Tag herauf und stille ist es, das Säuseln des Herrn hört man in den Zweigen der Bäume, die Seufzer der Gewissen rauschen in den Seelen, das Beten der Herzen tritt flüsternd auf die Lippen. So war es auch in unserm haus, und in jedem Herzen war noch das Weh über den unwürdigen, unheiligen Streit vom letzten