1843_Gotthelf_137_39.txt

, man solle immer meinen, was man geniesse, sei das letzte Mahl, und absonderlich vom Abendmahl solle man es glauben. Und darum solle man Friede halten und Friede machen, denn mit Streit komme man nicht in den Himmel, und Keiner solle glauben, dass die Schuld nicht an ihm sei und der Andere aneknien müsse, sondern das Gegenteil. Da sei es ihr geworden, sie wisse nicht wie, aber dass wieder Friede werden müsse, sei fest in ihr gestanden; um ihr Plätzchen im Himmel wolle sie nicht kommen, und das Sterben komme ihr bald. Aber lange hätte sie nicht gewusst, wie sie anfangen solle, bis ihr spät am Nachmittag es aufgegangen sei, dass sie da anfangen müsse, wo der Zwiespalt so recht angefangen, und dass sie eigentlich schuld an allem sei. Nun hätte sie gewusst, was sie zu tun hätte, aber angst sei ihr doch dabei geworden, denn sie hätte nicht gedacht, dass Christens Herz zum Frieden so zweg wäre, sie hätte geglaubt, lange, lange alleine beten zu müssen, bis sie sein Herz wieder aufgesprengt; darum hätte sie vor Angst und Bangen fast nicht anfangen können, allein einmal angefangen, hätte sie auch nicht mehr abgesetzt, "denn sterben ohne Friede, das will ich nicht. Als du aber alsobald aufgesessen und mitgebetet hast, da war es mir, als wärest du mir viele, viele Tage lang verschüttet unter der Erde gelegen, umsonst hätte ich dich gesucht, nach dir gegraben. Da sässest du auf einmal gesund und wohlbewahrt, von Engeln emporgetragen, an meiner Seite und ich hätte dich wieder und verlöre dich nimmer bis ich sterbe. Jetzt weiss ich es, dass wenn ihr mich zu grab traget, ihr wieder weinen werdet, und wenn dumpf auf meinen Totenbaum die Erde tönt, so wirst du den Lumpen vors Gesicht nehmen und denken: Änneli war doch gut, und wenn ich noch einmal weiben könnte, ich nähmte keine Andere, und es ist mir und Andern übel gegangen."

Da sagte Christen: "rede nicht so, von Sterben mag ich nichts hören. Aber das will ich dir sagen, du hättest sterben mögen, wenn es gewesen wäre, geweint hätte ich immer denn eine brave Frau warst du allweg, und lieb warst du mir auch immer, und wenn du hättest sterben sollen, so hätte ich alles, alles vergessen und nur daran gesinnet, wie lieb du mich hattest und wie du immer für alles gesinnet hast zu rechter Zeit und alles verstanden wie keine Andere. Aber von Sterben rede nur nicht, erst jetzt wollen wir wieder recht zu leben anfangen mit neuem Mut und in rechter Eintracht, und was dich freut, das soll auch meine Freude sein."

"Höre, Christen", sagte Änneli, "du bist immer ein Guter gewesen und jetzt z'vollem gut, aber eins mochte ich noch. Du redests mir nicht aus, dass ich bald sterben werde; es ist mir so wohl und so wunderlich, dass ich wohl weiss, dass dies den Tod bedeutet. Aber wir wollen darüber nicht streiten, sondern es Gott überlassen, der wird alles wohl machen. Aber eines möchte ich noch, das müsst ihr mir versprechen. Am nächsten Sonntag, an der heiligen Pfingsten, da wollen wir noch alle das heilige Abendmahl zusammen nehmen, so zum Zeichen, dass alles recht gründlich vergeben und vergessen sei, so wie als wenn es das letzte Mahl in diesem Leben wäre und der Abschied gleich darnach käme, so wie die Israeliten, zur Reise bereit und alles abgetan, was man nicht mitnehmen soll, so an Leib und Seele bereit, auf den Ruf des Herrn vor seinem Angesichte zu erscheinen. So möchte ich mit euch allen noch einmal an des Herrn Tisch; dann erst, dünkt mich, werde ich den zeitlichen und den ewigen Frieden gewiss haben; dann erst, wenn wir ein solches inniges Versöhnungsfest werden gefeiert haben, weiss ich, dass nichts mehr zwischen unsere Seelen kommt. Noch kommt immer wieder ein Bangen über mich, als ob der Feind noch da sei, der so lange zwischen unsern Seelen stand; aber wenn das geschieht, dann ist alles gut, dann werde ich erst mit recht frohem Herzen sagen: Jetzt, Herr, jetzt lass deine Magd im Frieden fahren."

"Los, lieb Änneli", sagte Christen, "vom Sterben rede mir nichts mehr, davon mag und will ich nichts hören; ich wusste nicht, warum du gerade jetzt sterben solltest, wo wir mit einander im Frieden leben könnten. Das düechte mich, ich muss es sagen, vom lieben Gott nicht recht. Aber mit allen Freuden will ich am Sonntag mit dir das Nachtmahl nehmen, und die Kinder werden es auch gerne tun und eine bsunderbare Freude daran haben, wenn der alte Tschup aus ist. Und es ist mir auch noch wegen den Leuten. Es ist so manches von uns unter sie gekommen, wie ich wohl gemerkt habe; sie können dann auch von uns reden, wenn sie wollen, wenigstens sehen können sie, dass es nicht so übel mit uns steht, wenn wir zusammen vor des Herrn Tisch gehen dürfen. Es ist kurios, auf die Religion verstehe ich mich freilich nicht recht und zur Kirche gegangen bin ich nicht viel, es wollte sich mir so oft nicht schicken, und unserein hat gar so viel zu sinnen, ds Geistliche kann man nicht immer