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, man gottlos wird, und wenn man Glauben und Vertrauen zu den Menschen verliert, so wird man lieblos, und wer gottlos und lieblos ist, um den ist es finstere Nacht, und wenn er schon noch nicht in der Hölle ist, so ist doch die Hölle in ihm." Aber Ännelis Klagen stillte Christen mit seinen Klagen, dass es ihm gerade so gegangen, und sie konnten sich nicht sattsam wundern, wie sie einander so missverstanden, wie sie als Hass auslegten, wo die Liebe sich regte, als Bosheit, was innerer Schmerz war. Es war, als ob eines spanisch gewesen wäre und das Andere böhmisch, und hätten doch Beide gemeint, sie redeten die gleiche Sprache, und hätten darum jeden laut und jedes Zeichen falsch und verkehrt gedeutet. Sie wurden nicht satt, solche Missverständnisse aufzusuchen, und bei jeder Lösung wuchs das Vertrauen des Einen zum Andern und das Staunen über ihre eigene Verblendung. Dann wuchs Änneli ihre Schuld immer wieder ins Gemüt, dass sie es eigentlich gewesen sei, welche die Schlüssel ihrer Herzen umgedreht und abgezogen, so dass sie verschlossen geblieben von selbiger Zeit an. Hätte sie das nicht getan, so wäre die ganze unglückliche Zeit nicht gewesen, sie wären in Gott immer einig geworden; denn eben was die Erde trenne den Tag über, das solle des Abends in Gott sich wieder suchen und finden, so habe die selige Mutter immer gesagt.

Dann tröstete Christen, dass er auch nicht gewesen, wie er gesollt; was er gefehlt, hätten Andere entgelten sollen, er fühle das wohl, und wenn er die Herzen verschlossen, so hätte sie sie wiederum aufgetan und mehr als gut gemacht. Und wenn das nicht alles so gekommen, so hätte er nie gewusst, um wie viel mehr der Friede wert sei als fünftausend Pfund und wie das Geld nicht alles sei, ja wie es nichts sei; denn wo der Friede fehle, da sei der Reichste ja viel unglücklicher als der Ärmste, der den Frieden hätte. Er hätte es manchmal recht mit Zorn gesehen, wie seinen Taunern und Knechten viel wöhler gewesen sei als ihm und wie sie viel fröhlicher hätten essen mögen als er. Jetzt hätte er es so lebendig an sich selbst erfahren, was Jesus damit sagen wolle: Und was hülfe es euch, so ihr die ganze Welt gewönnet, und ihr littet Schaden an eurer Seele? Oder was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele? Das hätte er alles niemand geglaubt, wenn er es nicht selbst erfahren. Geld, Geld, reich, reich, hätte ihm früher immer in den Ohren geklungen, und wem er von einem unbekannten Menschen reden gehört, so hätte er gefragt: "Het er öppis?" Jetzt solle fürder Friede, Friede, fromm, fromm in seinen Ohren sein, und wenn er nach dem Werte eines Menschen frage, so wolle er auch anders seine Frage stellen.

Aber auf ihr Glück senkte sich erst die Krone, als sie ihrer Kinder gedachten. Sie wussten es, wie ihr Unglück auch auf die Andern übergegangen, denn wenn alle Glieder eines Leibes es empfinden, wenn ein Glied krank wird, so empfinden es noch viel mehr alle Glieder eines Hauses, wenn eine Krankheit in einer Seele ausbricht, und in dem Grade mehr, je bedeutungsvoller die kranke Seele im Getriebe des Hauses ist. Sie sahen wohl, wie Die kindliche Harmlosigkeit und der jugendliche Frohsinn verwelkten, als ob der elterliche Streit zum Mehltau an ihren kindlichen Seelen würde. Sie sahen erst jetzt recht ein, wie der Streit ihre Herzen zusammengezogen, dass sie keinen Platz mehr darin für ihre Kinder hatten, sondern nur noch für ihre Angst ums Geld und ihren Streit darum. Sie hatten sich nicht nur um ihr Schicksal nicht bekümmert, an dem sonst so gerne die Eltern bauen mit emsigen Händen, sondern es war ihnen wohl selbst manchmal ein Gefühl aufgestiegen, als ob die, welche sonst ihre grösste Freude gewesen, ihnen im Wege wären, fast eine Last.

Jetzt waren ihre Herzen wieder weit geworden, der Kinder Glück war wieder ihr eigenes, und freudig schlug ihr Herz, wenn sie dachten, wie dieselben sich freuen würden, wenn sie den Streit verschwunden, die alte Einigkeit und die alte elterliche Liebe auf einmal wieder sehen würden, als ob sie für einen Augenblick freiwillig sich versteckt hätten, nur um freudig zu überraschen, wie oft Eltern pflegen, wenn sie mit Kindern sich necken in fröhlichem Spiele. Ihren Kindern bauten sie Häuser in ernster elterlicher Liebe, bis endlich Christen fragte: "Aber sage mir, Änneli, wie brachtest du es dahin, dass dir das Herz wieder aufging und du das Beten wieder anfangen konntest? Ich habe auch daran gedacht, mit dir mit Manier zu reden, aber erstlich wäre ich böse geworden und du wahrscheinlich auch, denn ich war gesinnet, nur du hättest die Fehler; aber ich konnte nicht, wenn ich auch wollte, man hätte mir das Maul nicht mit einem Knebel aufgebrochen."

Nun erzählte Änneli, wie es ihr ergangen, wie der Geist es ihr gesagt, dass sie bald sterben werde, wie ihr geworden sei, sie sei der letzte Mensch auf Erden und müsse eiligst den Andern nach, und dann wieder, man trage sie zu grab, es weine niemand hinter ihr und sie finde keinen Platz im Himmel wie keinen in der Kirche, wo ihr endlich eine arme Frau Platz gemacht. Wie daraufhin der Pfarrer gesagt