1843_Gotthelf_137_37.txt

ihr um die Brust. Die Worte wollten den Durchgang nicht finden, und wenn auch die Lippen sich bewegten, zur Bewegung wollte der laut nicht kommen; es war, als wenn eine unsichtbare Macht unwiderstehlich ihr im Wege stünde, sie zurückdrängen wollte ins Geleise der letzten Gewohnheit. Sie fühlte sich niedergezogen in Die Kissen, und alles in ihr rief ihr zu: Heute geht es ja nicht, fasse dich, stärke dich, warte bis morgen, morgen gelingt es dir besser, morgen ist bessere Zeit! Aber dann tönten ihr wieder Die Worte des Pfarrers zu, dass die Hausmutter sterben könne, während das Essen, das sie aufs Feuer getan, noch koche, dass im Himmel ein ewiger Friede sei, und wer im Himmel ein Plätzchen finden wolle, nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im Herzen tragen dürfe. Und von neuem rang sie nach einem lauten Wort, und in hellen Tropfen stand der Schweiss auf ihrer Stirne. Da wandte ihre Seele sich mit einem unaussprechlichen Seufzer zu Gott empor: Vater, hast du mich verlassen? Da war es, als versinke ein finsteres Unwesen, das drohend vor ihrer Seele gestanden, als sprängen Ketten, die um ihre Brust geschlungen; frei ward das Wort in ihrem mund, und langsam und bebend, aber inbrünstig und deutlich begann sie zu beten: "Unser Vater" usw.

Beim ersten Ton aus Ännelis mund fuhr Christen zweg, als hätte der Klang der Feuerglocke sein Ohr getroffen, dann sass er auf, dann rangen sich auch Töne aus seiner Brust, er betete mit, und als Änneli die Bitte betete: "Vater, vergib mir meine Schulden, wie auch ich meinen Schuldnern vergebe", und nun das Weinen über sie kam und sie erschütterte über und über und ihre stimme nur ein Schluchzen wird, da weinte er mit, und weinend betete er das Gebet zu Ende. Und es ward ihnen, als wenn das Gebet die Sonne wäre, und schwarzer Nebel hätte sie umlagert, dass eins das Gesicht des Andern nicht mehr hätte sehen können. Nun aber kam die Sonne über den Nebel, und ihre Strahlen brachen, spalteten ihn, er zerriss, und als ob Gottes eigene Hand vom Himmel herunterreiche, hob er sich höher und höher, hob sich in immer lichtern Wölkchen zum Himmel auf, verlor sich ganz und gar im Himmel, und licht und klar war es um sie, kein Schatten war mehr da und die Herzen lagen offen vor einander. Das heilige Schweigen brach zuerst Änneli, sich anklagend und um Verzeihung bittend, aber Christen antwortete: "Du hast nichts zu bitten, ich bin an allem schuld, hätte ich dir gehorcht, so wäre alles nicht begegnet." wunderbar war es jedem, wie das Herz des Andern so weich war und so voll Liebe und so ganz anders gesinnet, als man es gedacht, und dass es nur ein Wörtlein gebraucht zur Einigung. Und Keines hatte daran gedacht und jedes das Herz des Andern ganz anders geglaubt, darum an jeder Verständigung verzweifelt; nur die Demut Ännelis, welche sich allem unterziehen wollte um ihrer erkannten Schuld willen, konnte durch die bergende Hülle brechen. Eben deswegen hat uns Gott der Zukunft Schoss verdunkelt, den Vorhang gezogen vor die Herzen der Menschen, dass wir lernen in ächtem Heldensinn und hingebendem Vertrauen das Rechte tun, ohne nach dem Gelingen zu fragen, ohne die Anstrengung mit dem Kampf zu messen. Da wird dann oft, was den Kleingläubigen zurückgeschreckt hätte als unerhörtes Wagnis, dem Gläubigen plötzlich so leicht, dass er fast erschrecken, es ansehen möchte als eine Täuschung, aus welcher er bald um so elender erwachen werde, dass er es erkennen muss als eine Gnade Gottes, die über dem Gläubigen so mächtig geworden. So war es auch ihnen; lange trauten sie ihren Ohren kaum, konnten ihr wiedergefundenes Glück nicht fassen, fürchteten bei jedem Wort, es möchte in eine wunde Spalte des Herzens fallen und aus dem Abgrunde der Streit wieder sein struppicht Haupt erheben. Sie wählten mit der rührenden Sorgfalt, mit welcher eine zärtliche Mutter ihres Lieblings eiternde Wunde verbindet, die Worte aus, und in neuer Redweise erkannten sie die Macht ihrer Liebe. Und als sie endlich sicher waren, dass keine Täuschung da sei, dass Keines dem Andern nachrechne, sondern vergeben habe von Herzensgrund, dass jedes in Demut seine Schwäche erkannt und lechze und dürste nach dem alten Glück, dem alten Frieden, dass jedes ihn nicht nur vom Andern erwarte, sondern mit ganzer Seele und allen Kräften dazu beitragen wolle, da kam ein Gluck über sie, das sie nicht gekannt; es war fast dem zu vergleichen, welches der empfindet, dem geträumt hat, er sei in der Hölle, der den Teufel gesehen, das Feuer empfunden hat und der nun im Himmel erwachet und Gott schauet von Angesicht zu Angesicht. Es war die Freude der Engel über den Verlorengegangenen und Wiedergefundenen, es war die Freude des Vaters, als der verlorne Sohn wieder in seinen Armen war. Ihr ganzes inneres Leben, was sie gedacht, was sie empfunden, seit ihre Herzen sich verschlossen, strömte auf ihre Lippen, und eines staunte über das Andere, und manchmal noch weinte Änneli und sagte: "Oh, wenn ich das gewusst hätte, es wäre nicht so lange gegangen, aber warum verlor ich den Glauben, warum das Vertrauen! Ach, jetzt weiss ich es, dass wenn man Glauben und Vertrauen zu Gott verliert