die Truppen zur Schlacht, so ordnete Änneli die sämtliche Masse nach ihrem Wert und Dienst, zum Behalten, zum Verkauf, zu Schnitzen und zu Bätzi, zu Most und zu Branntwein, kam unvermerkt zum Flachs, der dicht und schlank emporwuchs, dem Hanf nachstrebte, der hochmütig auf ihn herabsah. So kam Änneli immer weiter, von einem zum Andern, und alles war üppig und schön, und als sie am Rain hinterm haus das Ganze übersah, da hüpfte ihr das Herz fast vor Freude, denn so schön hatte sie noch nie alles gesehen, und einen schönern Hof gebe es doch nicht, dachte sie. Aber da kam schon wieder der Jammer, gerade wie in nassen Jahren nach jedem Sonnenblick ein nur um so ärgeres Regenwetter kommt. Das alles ist unser, und wie gut Händel könnten wir nicht haben, und jetzt, wie haben wirs! Übler zweg sind wir als die ärmsten Kacheler und Häftlimacher, und nicht wegen der Armut, wir hätten Sachen genug für uns und öppe auch für unsere Kinder, aber da inwendig ist es nicht gut, da hat bös Wetter alles verherget.
Änneli setzte sich nieder, sah über das reiche Land hinweg, sah, wie alles im reichsten Segen prangte, vom Tale weg bis hinauf zu den Gipfeln der Vorberge, sah, so weit das Auge reichte, den Himmel rundum sich senken den Spitzen der Berge zu, sah ihn umranden den Kreis, welchen ihr Auge ermass, sah, wie da eins ward der Himmel und die Erde, und von dieser Einigung kam der reiche Segen, kam der Sonne Licht, kam der Regen, kam der geheimnisreiche Tau, kam die wunderbare Kraft, welche Leben schafft im Schosse der Erde. Es ward dem Änneli ganz eigen ums Herz, als sie diese Einigung zwischen Himmel und Erde erkannte und wie eben deswegen alles so schön und herrlich sei und so wunderbar anzuschauen, weil Friede sei zwischen Himmel und Erde, der Himmel seine Fülle spende, die Erde den Himmel preise. Und sie dachte, ob denn eigentlich der Himmel nicht alles umranden sollte, nicht bloss die Erde, sondern auch der Menschen Leben, so dass wenn die Jahre ihn drängen an der Erde äussersten Rand, vor ihm der Himmel offen liege. Darum auch alle seine Verhältnisse ein jegliches zum Berge wird, auf den der Himmel sich senket und aus dem er in den Himmel steigen kann. Ja, jeder Tag des Lebens, ein kleines Leben für sich, sollte der nicht im Himmel beginnen, und wenn wir einen heissen Tag lang gewandert sind, der Abend kommt und der Schlaf über die müden Augen, sollten wir da nicht Herberge halten, wo der Himmel die Erde berührt und die Engelein auf- und niedersteigen und Wache halten über den schlafenden Pilgrim, der im Herrn entschlafen ist, damit wenn die Sonne wieder kommt, er wohlbewahret im Herrn erwache, gekräftigt in himmlischer Ruhe zu irdischer Geschäftigkeit? Und hatten wir es nicht ehedem so? fragte Änneli sich. Wenn die Nacht kam, am Ende des Tages die Ruhe winkte, hoben wir da unsere Seelen nicht hinauf und suchten in Gott und mit Gott Friede und Ruhe und liessen dahinten der Erde Elend und versenkten ins Meer des Vergessens böse Gedanken und jegliches Nachtragen? Da ward uns wohl, und jeden Morgen nahmen wir den Segen Gottes mit in den Tag hinein, und jeden Abend legten wir ab, was die Erde Unreines an uns gebracht. Jetzt aber legen wir nichts mehr ab, legen uns schlafen mitten in Not und Elend, in Groll und Gram hinein, und böse Geister kommen in der Nacht und nähren in wilden Träumen Gram und Groll. Und am Morgen scheint keine helle Sonne einem ins Gemüt hinein, keinen Segen Gottes nehmen wir in den jungen Tag hinein, sondern das alte Elend, die alte Not, welche über Nacht noch gewachsen sind und wachsen von Tag zu Tag, so dass sie jeden Tag unser ganzes Leben umranden, unser Auge keinen Himmel mehr sieht, wie in trüben Regen-, in schwarzen Gewittertagen auch nur dunkle Wolken auf den Bergen liegen und kein Himmel zu sehen ist.
Da ging Änneli so recht klar zum erstenmal ihre Schuld auf, wie sie zu beten aufgehört hatte und wie von diesem Augenblicke an Groll und Gram gewurzelt seien in ihren Gemütern, und was sonst jeden Abend vorüberging, ein Bleibendes geworden. Wohl hatte sie auch für sich gebetet, aber das Gebet war nicht hinübergeklungen in Christens Seele, hatte nicht mehr geebnet alle Anstösse, ja es hatte sich immer weniger erhoben zu Gott, hatte die Seele im Dunkel ihres Jammers gelassen, und immer mehr waren es nur Worte gewesen, die, wie Steine im Flussbette rollen, ihr über die Zunge gerollt waren. Das Licht von oben läuterte ihre Seele nicht mehr, aber die Erde trübte sie jeden Tag mehr.
So ging ihr auf ihre Schuld, und ihres Elendes Anfang suchte sie nicht mehr im Verlust der fünftausend Pfund, welche mehr dem mann als ihr zur Last fielen, sondern im Zerreissen des geistigen Bandes, welches so lange ihre Seelen in Treue und Liebe zusammengehalten hatte, und dieses Zerreissen war ihre Schuld. Diese Erkenntnis, die fast wie ein Blitz durch ihre Seele fuhr, erschütterte Änneli tief. Das hatte sie nicht gesehen, nicht begriffen, und lag es ihr doch so vor den Füssen! Und diese Schuld hätte sie beinahe mit sich ins andere Leben genommen, mit sich genommen die Seufzer ihrer Kinder