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aber geduldig; dann kommt endlich beim siebenten oder achten Mal eine ingrimmige stimme aus der hintern Stüblistüre: "Doppelt neuer?" Es ist die stimme der Bäuerin, welche sich vor dem Fliegenheer ins Hinterstübli geflüchtet hat, erst lesen wollte in einem geistlichen buch, aber unwiderstehlich gelockt worden war hinter den dicken Umhang ums breite Bett, wo in der ungewohnten Stille bald ein seliges Schläfchen sie umfing, bis der unwillkommene Doppler sie weckte. Nachdem sie denselben abgefertigt, sieht sie ihm ein Weilchen nach, geht zum Brunnen, weckt sich durch einige Züge des schönen, Bläschen werfenden Wassers und macht dann die Runde ums Haus und in der Hofstatt, bis es Zeit wird, das Nachtessen zu rüsten, oder es sie gelüstet, privatim ein Kaffee zu machen.

Fast ebenso hätte es der Besucher auf jenem hof selben Sonntag getroffen, alle waren ausgeflogen bis an Änneli, das gaumete. Anfangs war sie, nachdem sie hinter der letzten Jungfrau, welche ausflog, die tür geschlossen hatte, auch ins Hinterstübli gegangen, hatte den Kopf aufs Bett gelegt, aber nicht Schlafens wegen, sondern weil er so schwer von Trübsal und Jammer war. Es war ihr, als hätte sie eine innere Gewissheit, dass sie bald sterben müsste, und im Streit scheiden wollte sie nicht, kein Plätzchen im Himmel finden wollte sie nicht, wo keine arme Frau ihr eines machen konnte, auch beim besten Willen nicht, wenn sie nicht versöhnt zur Himmelstüre gekommen. Wie sollte sie es anfangen, Frieden zu machen? Christen schien alle Tage verstockter und unversöhnlicher, und nicht das mindeste Wörtlein nahm er von ihr an. So sann und weinte sie trostlos lange, bis ein Doppeln an der Haustüre sie störte. Änneli zögerte; eine Bäuerin erscheint nicht gerne mit verweinten Augen unter der Haustüre, es wäre ihr recht gewesen, wenn der Klopfende weitergegangen wäre. Als derselbe aber nicht absetzte, so erlaubte es dem Änneli ihr gutes Herz nicht, zu tun, als wäre gar niemand daheim, wie es wohl oft geschieht. Ich muss doch gehen, wenn es etwa ein Unglück wäre oder jemand für einen Kranken etwas wollte, ich müsste mir noch auf meine Letze ein Gewissen machen, und selb will ich doch nicht, dachte sie bei sich selbst. Sie setzte die Kappe wieder auf, strich Die Haare zurecht, wischte mit der feuchten Hand die roten Augen aus und öffnete. Da stunde draussen der Polizeier und begehrte eine Unterschrift.

eigentlich war es eine flotte Dampete, welche er im Sinne trug, in deren Hintergrunde ihm ein tüchtiges Glas Schnaps glänzte nebst dem dazugehörigen Stück Brot wie ein Licht in dunkler Nacht. Denn so ein Polizeier ist oft neben seinem amt auch zugleich eine alte Frau, die sich mit Neuigkeiten Herumtragen abgibt, mit dem Unterschiede jedoch, dass er für seine Mühe lieber Schnaps nimmt als Kaffee, während eine eigentliche alte Frau den Kaffee mehr liebt. Änneli hörte ihn sonst nicht ungerne, und es geschah selten, dass der Polizeier den Mund nicht noch lange bald schleckete, bald abwischte, wenn er vom haus wegging. Diesmal war Änneli nicht aufgelegt zum Dampen, öffnete nur den obern teil der tür und diesen nur halb, sagte: "Christen ist nicht daheim, du musst ein andermal kommen." Die üblichen fragen: "Wo ist er hin? kommt er bald heim? Wenn ich wüsste, dass er bald käme, ich wollte warten", fertigte Änneli kurz ab, und als der Polizeier vom Wetter anfing und sagte, es sei schön und er traue, es wolle einen Rung so bleiben, es wäre gut, da sagte Änneli: "Es wär gut, aber ds Beste ist, wenn man es nimmt, wie es kommt." "Du hast recht", sagte der Polizeier, "aber wenn mans könnte, du gute Frau du." "He, man sollte es lernen", sagte Änneli und machte die Öffnung in der tür immer kleiner, so dass der Polizeier es endlich merkte, dass er unwert sei und gehen könne. "He, so will ich ein Haus weiter", sagte er endlich traurig und sann, ehe er Adie sagte, noch lange nach, wo er wohl Zeit zu einer Dampeten und ein Glas Schnaps dazu finden könnte. Kaum war er dort abgesessen, so sagte er, was es wohl bei ds Bure in Liebewyl wieder gegeben habe; wenn es denen dort gut gehe, so verstehe er sich nicht mehr darauf. Die Bäuerin hätte ganz verplärete Augen gehabt, und als er nach dem mann gefragt, da hätte es ihn gedünkt, sie möge es kaum hervor, bringen, sie wüsste nicht, wo er sei und wann er heimkomme. Und er wolle doch gefragt haben, wo eine rechte Frau sei, die nicht wüsste, wo der Mann sei!

Änneli aber hatte die tür zugemacht, das Bett im Hinterstübli zurechtgerüttelt, ging zur hintern tür aus, zog sie hinter sich zu, machte die Runde ums Haus, besichtigte die Ställe, in welchen sie lange nicht gewesen war, machte ihren Schweinen einen Besuch, und sie begrüssten sie freundlich mit Grunzen und Schnürfeln und erhielten zum Dank dafür einen Armvoll grünes Gras in den Trog. Von dort trappete Änneli in die Hofstatt hinaus, trappete von Baum zu Baum, freute sich des Segens, der so reichlich die Bäume schmückte, dachte bei jeder Sorte, für was sie wohl gut wäre, und wie ein Feldherr