1843_Gotthelf_137_32.txt

Wald her spielten, weckten ihn. Es war das Zeichen, dass der Gottesdienst zu Ende sei, und eine Mahnung, wieder zu kommen am Nachmittage, damit der Same, welcher mit fleissiger Hand ausgestreut worden sei, mit Ernst und Nachdruck eingeeggt werden könne in den seltsamen Boden des Gemütes, wo der bessere Same so gerne sich verflüchtigt oder sonst nicht zum Leben kommt. Ich sollte heim, dachte Christen, wenn ich zur rechten Zeit beim Essen sein will, aber ich weiss nicht, ich mag nicht, es ist mir allemal, wenn ich dem Haus zu komme, wie wenn jemand vor dem haus wäre und mit einem Stecken mir wehrte oder als ob etwas Böses, Grüslichs gehen sollte, dass ich fast nicht dranhin dürfte. Ehemals ist das doch nicht so gewesen, es ist mir gegangen fast wie einem Schiff, wo der Fluss immer stärker unter ihm dahinschiesst. So habe ich immer stärker laufen müssen und manchmal fast springen, je näher ich meinem haus kam. Da war es schön. Und wiederum sann Christen, bis ihm laut der Wunsch entrann: "Ach, wenn es nur wieder so wäre!" Aber es wieder so zu machen, wusste er nicht, kein Rat kam.

Trübselig machte er sich nach haus, und sein Trübsal war bald mehr bitter und bald mehr wehmütig und bald mehr trotzig und bald mehr melancholisch, je nachdem die Wolke gefärbt war, welche über seine Seele strich. Aber die Färbungen dieser verschiedenen Wolken sah man auf seinem gesicht nicht, das war ungefähr wie ein Holzstich, der die nämliche Färbung behält, man mag ihn betrachten, von welcher Seite man will, und wenn die Sonne scheinet oder wenn es regnet. Es ist kommod und unkommod, ein solch Gesicht, aber Staatsmänner und Spitzbuben würden oft viel Geld darum geben. Freilich gibt es auch Staatsmänner, welche es bereits haben, das sind dann aber sogenannte. Spitzbuben gibt es aber sehr selten sogenannte, die unterscheiden sich von den Staatsmännern eben dadurch, dass sie meist wirkliche sind.

Dieses Gesicht brachte er heim, und mit diesem Gesicht setzte er sich oben an den Tisch, und es war erbärmlich anzusehen, wie schnell und schweigend gegessen ward, fast als ob jedes in einem Wespenneste sässe; aber es meinte jedes, aus Christens Gesicht würde Blitz und Donner brechen bei dem geringsten Anlass, wenn etwa ein Bettler hoschete oder ein Handwerksmann Geld wollte. Jedes merkte, dass es hinter dem gesicht grollte und gärte; aber dass es naher dem Weinen als dem Donner war, eben das sah man nicht. Freilich donnert man zuweilen auch aus lauter Verlegenheit, weil man nicht mehr recht weiss, wie man weint. Es machte also ein jedes, dass es wegkam so bald möglich, auch Änneli nahm nur eine Gablete oder zwei und suchte die Küche wieder. Das beelendete Christen aber immer mehr, er wusste auch nicht, dass Änneli nicht seinetwegen so schnell abseitsging, sondern weil ihr immer das Weinen zuvorderst war und ihr Herz überhaupt so voll, dass sie meinte, es müsste zerspringen. Er glaubte, sie sei noch böse und kupe, und eben das sei das Unglück, dass sie nie vergessen könne und wochenlang die Sache wiederkaue, so dass wenn er zufrieden sein möchte und längst alles vergessen, Änneli das Alte immer wieder aufwärme, und das sei doch ehedem ganz anders gewesen, und das sei noch ärger, als wenn man am Sonntag Schnitz und ein Mus koche und beides die ganze Woche durch wärme; so sei nicht dabei zu sein, und das Leben erleide ihm.

So bald möglich machte er sich auch vom Tische fort und stunde lange draussen auf der Bsetzi und wusste nicht was machen. Er wäre lieber daheim geblieben, aber daheim fürchtete er Streit, mochte mit Änneli heute nicht alleine sein, er wollte heute nicht mehr streiten, und doch war es ihm zuwider, wegzugehen. Endlich ging er und war schon ein langes Stück gegangen, ehe es ihm einfiel, wie und wo er seinen Nachmittag zubringen könnte. Änneli hatte ihm aus dem Küchenfenster zugesehen und gedacht: Bleibt er wohl oder geht er wieder? Wenn er doch daheimbleiben würde, wir wären alleine diesen Nachmittag, da wollte ich das Herz in beide hände nehmen und es ihm leeren und mich unterziehen und um Verzeihung bitten und ihm anhalten, dass er nicht mehr so sei; es sei mir nicht nur wegen mir und von wegen den Leuten, sondern bsunderbar wegen den Kindern. Aber ums Bleiben durfte sie ihn nicht bitten, was würde er denken, dachte sie. Aber als er ging, als er nicht umkehrte, sie ihn nicht mehr sah, da schoss ihr das wasser in die Augen wie vom Berge der Bach, wenn eine Wolke gebrochen ist. Sie musste abseits.

An schönen Sonntagen und besonders wo keine kleinen Kinder sind, ist es oft einsam des Nachmittags um einen Bauernhof. Man kann zweimal ums Haus herumgehen, man merkt nichts Lebendiges als vielleicht ein Schwein, das sich kündet, wenn man dem Trog zu nahe kommt, oder ein Pferd, welches durch den leeren Bahren wiehert. Zuweilen sieht man beim dritten Mal einen Hans oder einen Peter, der im Schatten eines Baumes wohl schläft, das Gesicht nach unten gekehrt, die Beine aber vom Knie weg gegen Himmel gestreckt. Sehr oft aber sucht man umsonst unter den Bäumen nach solchen Himmelszeigern, man muss am haus hoschen, muss drei-, viermal hoschen, stark,