ihr hienieden mit den Eurigen vom Gewächse des Weinstockes, diesen Abend, wenn die Sonne scheidet, schlage auch eure Abschiedsstunde, und stellet nun jene fragen vor eure Seele! Was waret ihr den Euren? Was hinterlasset ihr ihnen? Wie trennen die Herzen sich, wenn heute abend der Abschied kommt? Ich weiss es, dieses fährt wie eine feurige Flamme in manches Herz, und manche Quelle inneren Leids bricht auf, und manchen dunklen Schatten werfen die Gewissen über die Seelen. Denn den Unfrieden kann man nicht leugnen, der Groll liegt auf den Gesichtern, der gestrige, der heutige Tag können noch nicht vergessen sein, und was wir sind, steht vor unserem Angesichte. Darum eilet und machet Friede, machet gut, holt das Versäumte nach! Den heutigen Abend werden wahrscheinlich die Meisten erleben, wenn nicht das Gewölbe dieser Kirche einbricht, die brücke dort nicht unter euch zusammenbricht, aber das nächste Abendmahl, wer wird dieses erleben? drei Monate liegen zwischen diesem Mahle und dem nächsten Mahle; drei Monate sind eine lange Zeit, vergesset nicht, wie Mancher vor einem Jahre im Laufe dieser Monate ins Grab sank! Zählet draussen die Gräber; wenn ihr sie gezählet, so vergesset die Zahl nicht, traget sie heim und gedenket, dass Der, welcher vor einem Jahre so Viele ins Grab legte, der Gleiche geblieben und in diesem Jahre ebenso Viele oder viermal so Viele zu diesen legen kann, sobald Er will! Warum sollte euch diesmal die Reihe nicht treffen? Hat einer unter euch einen Sicherheitsschein? Junge sinds und Alte, Starke und Schwache, welche des Herrn Arm geschlagen, welche die Ihrigen dortin gelegt. Fühlt ihr nicht, wie die Vergänglichkeit durch eure Glieder schleicht, wie das Pochen eurer Herzen mir recht gibt? Säumet nicht, holt nach, macht gut! Warum zögert eure Seele, den heiligen Entschluss zu fassen? Ja, ich bin nicht schuld, sagen die Einen, der Andere hat zuerst gefehlt. Ja, sagt ein Anderer, ich weiss nicht, ob er Friede machen will. Die Dritten: und wenn ich heute Friede machte, so wäre es morgen im Alten; und noch Hunderte solcher Sprüche schleichen aus dem Hintergrunde der Seele hervor; es sind die alten Leichentücher, welche ihr schon hundertmal gebraucht, in welchen ihr jeden guten Entschluss zu begraben pflegt. Hat Jesus auch Entschuldigungen gemacht im Garten Getsemane? Machte er Vorbehalte, als er sprach: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun? Machte er Ausnahmen, als er sein Opfer am Kreuz vollbrachte? Er hatte keine Ausreden, machte aber auch keine Vorbehalte, als er befahl, dass man siebenmal siebenzigmal in einem Tage vergeben, den Balken aus dem eigenen Auge ziehen solle. Darum gehorcht, versöhnt euch mit den Menschen, dann erst könnt ihr euch versöhnen mit Gott; vergebt euren Schuldnern, dann erst werden eure Schulden euch vergeben, rechnet nicht mit den Brüdern, wenn ihr nicht wollt, dass der Herr rechne mit euch! Zögert nicht, zaudert nicht; wie ein Dieb in der Nacht kommt der Herr. Glaubt es doch! Der Bruder hat euch auch eine Rechnung zu stellen, sieht ebenso viel Fehler an euch als ihr an ihm. Diese Rechnungen aber gleicht man mit Rechnen nicht aus, da hilft nur Vergeben und Vergessen. Darum du, der du zum Altar treten willst und weisst, dass dein Bruder zürnet, so lass den Altar und versöhne deinen Bruder, dann erst komme wieder! Im Himmel ist ewiger Friede; wer im Himmel ein Plätzchen will, darf nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im Herzen tragen. Darum reiniget euch, damit wenn der Herr kommt, ihr fröhlichen Abschied nehmen, auf Erden ein freundlich Andenken hinterlassen, im Himmel den ewigen Frieden finden könnet!"
So sprach der Pfarrer, und die Worte tönten in Ännelis Seele wider fast wie Gottes Worte. Sie trafen Punkt für Punkt ihre eigenen Zustände und Gedanken, als wenn ein allwissendes Auge sie in ihrer Seele gelesen hätte, sie begegneten jedem Stocken, jeder Ausflucht; Schlag auf Schlag erschütterte ihre Seele, sie ward wie betäubt, und als der Pfarrer schwieg, da schien es ihr, sie stünde an eines tiefen, fürchterlichen Abgrundes Rand, und eine stimme hoch über ihr sage: Frau, Frau, deine Zeit ist um, rette deine Seele!
Sie ging nicht zum heiligen Mahle, mit Andern verliess sie nach der Predigt die Kirche unwillkürlich, von einer inneren Gewalt getrieben, obgleich sie eigentlich angezogen war, um zum Tische des Herrn zu gehen. Aber eben es war nur der Leib, welcher die rechte Kleidung trug, und da weigerte sich die Seele und forderte auch das Kleid der Reinigung. Betäubt, fast wie jemand, der aus grosser Todesnot gerettet worden, aber noch nicht weiss, wie es gegangen und wo er ist, ging sie nach haus.
Wie lange sie heimgegangen und was in ihrer Seele auf- und niedergegangen, das wusste sie ebenfalls nicht. Aber sie harten ihrer geharret, Resli stand auf der Bsetzi, und seiner stimme, als er fragte: "Mutter, kömmst du endlich und wo bleibst so lange?" hörte man es an, dass er Angst um sie gehabt. Das Essen war längst zweg, Annelisi hatte gekocht und schoss puckt in der Küche herum. Es war die Verlegenheit des bösen Gewissens, das gerne sich entlastet hätte, aber nicht recht weiss wie.